Ein Mystiker ist kein Beruf und keine Marke, sondern ein Mensch, der das Unsagbare nicht für sich behalten konnte und deshalb Sätze gewagt hat, die später auf Kalendern gelandet sind, obwohl sie nie als Kalenderspruch gemeint waren. Vielleicht bist du hier, weil dir Namen begegnet sind, Eckhart, Rumi, Teresa, Johannes, und du wissen willst, wer diese Leute eigentlich waren. Die Namen sind Türen, und es lohnt sich zu verstehen, was für Menschen hinter ihnen stehen und wie du sie lesen kannst, ohne sie einzusacken wie Souvenirs.
Was ist ein Mystiker, wenn es kein Titel ist?
Das Wort klingt nach einem Amt, nach jemandem, der es geschafft hat und jetzt Auskunft gibt, und in den Traditionen ist es oft genau umgekehrt. Der Mystiker merkt, dass Gott sich nicht besitzen lässt, und hört trotzdem nicht auf zu reden, weil das Schweigen allein niemanden erreicht. Er predigt, dichtet, schreibt Briefe, sitzt, wird verdächtigt, wird heiliggesprochen oder hingerichtet, und beides sagt erstaunlich wenig über die Sache, um die es ihm ging.
Ein Mystiker ist auch nicht einfach der klügere Theologe. Die Theologie ordnet, und der Mystiker stört diese Ordnung, nicht aus Trotz, sondern weil seine Erfahrung durch die fertigen Wörter nicht hindurchpasst. Hildegard sieht, und ihre Sehersprache ist unbequem für Bischöfe und bequem für Leute, die Visionen sammeln, und beide verfehlen sie, wenn sie nur das Bild wollen. Johannes vom Kreuz schreibt von der Nacht, und du hörst Traurigkeit heraus, obwohl er eine Reinigung meint, die viel härter ist als Traurigkeit. Teresa baut eine Burg aus Zimmern, und du nimmst eine Landkarte mit nach Hause, als wäre die Seele ein Grundriss, den man abschreiten kann.
Ramana sitzt an seinem Berg und stellt eine Frage, die keine Lebensgeschichte braucht, nämlich wer bin ich. Dogen lässt das Sitzen selbst den Weg sein und warnt vor Erleuchtung als Ware. Simone Weil spricht von Aufmerksamkeit, als wäre Beten ein Hinsehen, das dich etwas kostet. Rabia prüft das Motiv der Liebe, bevor Lohn und Furcht den Blick füllen, Ibn Arabi denkt die Einheit so weit, dass sich später ganze Schulen an ihm reiben, und Al-Hallaj sagt, er sei die Wahrheit, und stirbt an einem Satz, den die Frommen als Gotteslästerung hörten. Du musst diese Sätze nicht nachsprechen, aber du kannst an ihnen merken, dass ein Mystiker bezahlt, nicht immer mit dem Leben, aber immer mit dem Ich, das vorher die Mitte war.
Warum klingen sie so verschieden?
Weil sie in Sprachen, Orden und Jahrhunderten stehen, die einander nicht schulden, gleich zu klingen. Der Hunger ähnelt sich, die Wörter ähneln sich nicht, und wer alle Mystiker in einen einzigen Mund legt, hat sie eigentlich schon aufgegessen. Der eine predigt vor Leuten, die Gott als Besitz kennen, der andere singt von einer Liebe, die verbrennt, was du für dich selbst gehalten hast, und dass beide das Ich aus der Mitte schieben, heißt noch lange nicht, dass Predigt und Gedicht dasselbe sind.
Du wirst versucht sein, eine Formel zu finden, alle meinen Gott, alle meinen das Eine, alle meinen die Liebe. So eine Formel beruhigt, aber sie macht aus lebendigen Stimmen eine Soße. Ein christlicher Mystiker betet zu einem Gott, der Person bleibt, auch wenn die Bilder sterben. Ein Sufi geht den Weg der Liebe innerhalb des Islam und nicht daneben. Ramana fragt, bis der Fragende dünn wird, und braucht dafür keinen Kirchenraum, und Simone Weil bleibt an Christus gebunden und an die Elenden, nicht an ein Gefühl von Weite. Diese Unterschiede sind keine Fehler im System, sie sind das, woran du die einzelnen Stimmen überhaupt erkennst.
Wie liest du sie, ohne sie zu besitzen?
Langsam, und nicht als Quelle für Zitate oder als Lebenshilfe, die dir am Ende des Kapitels eine Übung für den Alltag mitgibt. Ein mystischer Text will nicht, dass du klüger wirst, er will, dass du merkst, wo du den Satz schon zu kennen glaubtest, bevor du ihn gelesen hast, und wo er dir widerspricht. Beim ersten Lesen hörst du vor allem dich selbst, und erst beim dritten Mal hörst du ihn. Die Mystiker wiederholen sich, kreisen, widersprechen sich beinahe, weil sich die Sache nicht festnageln lässt, und diese Wiederholung ist die einzige Höflichkeit gegenüber etwas, das nicht in den ersten Anlauf passt.
Lies nicht zuerst die Lebensgeschichte, wenn sie dich nur vor dem Text schützt. Die Heiligkeit, der Orden, der Kerker, die Vision, das alles ist der Rahmen, und der Rahmen ist wahr und lenkt trotzdem ab. Teresa ist Karmelitin, Johannes sitzt im Kerker, Hildegard ist Äbtissin im zwölften Jahrhundert, und all das gehört dazu, aber du liest sie nicht, um ihre Zeit zu bestehen, sondern weil in ihrer Zeit etwas durchgekommen ist, das deine Zeit auch braucht.
Sammle auch keine Sätze, denn ein Satz, den du besitzt, ist schon wieder dein eigener Satz. Wenn du eine Predigt von Meister Eckhart liest, merkst du das sofort: Gott ist nicht der Gott deiner Bilder, und in dem Moment, in dem du zustimmend nickst, hast du schon wieder ein neues Bild. Eckhart ist ein guter Einstieg, nicht weil er der bessere Mensch gewesen wäre, sondern weil er auf Deutsch predigt und dir den Besitz wegnimmt, ohne dir gleich einen neuen zu schenken.
Wenn die Stimme, die du brauchst, nicht predigen, sondern brennen will, dann ist Rumi die andere Tür. Gemeint ist nicht der Rumi der losen Verse, die man ins Netz stellt, als wäre Sehnsucht ein Produkt, sondern der lange Atem seines Lehrgedichts und eine Liebe, die keine Stimmung ist. Du liest ihn, weil der islamische Weg in seinen Zeilen zuerst hörbar wird, und nicht, weil er der einzige Sufi gewesen wäre, denn neben ihm denkt Ibn Arabi und neben ihm stirbt Al-Hallaj, und hinter der Tür wartet Arbeit.
Warum gerade diese Stimmen?
Weil niemand die ganze Menschheit auf einmal lesen kann. Eckhart und Rumi sind zwei Türen, hinter denen Teresa, Johannes, Hildegard, Ramana, Simone Weil, Rabia, Ibn Arabi und Al-Hallaj warten, und du darfst die Namen kennen, ohne sie alle auf einmal zu brauchen. Wenn man lauter kleine Lebensläufe aneinanderreiht, nimmt man den einzelnen Stimmen den Atem, und darum ist die wichtigere Frage, was für ein Mensch so spricht und wie du ihm begegnest, ohne bloß zuzuschauen.
Draußen findest du Listen, zehn Mystiker, die dein Leben verändern, zwölf Frauen, die die Kirche nicht wollte, fünf Sufis für den Sommer. Solche Listen funktionieren wie ein Laden, und ein Mystiker ist kein Ladenartikel. Wenn dich ein Name anrührt, dann bleib bei diesem Namen, bis der Text unbequem wird, denn das Unbequeme zeigt dir, dass du nicht mehr nur nickst.
Was tun die Texte mit dir, wenn du sie ernst nimmst?
Sie nehmen dir die Mitte weg, nicht über Nacht, sondern durch Wiederholung. Du liest, und dein Ich erklärt den Text, dann liest du noch einmal, und der Text erklärt dein Ich, und das mag dein Ich gar nicht. An dieser Stelle hören viele auf, und andere bleiben, und dieses Bleiben ist eigentlich die ganze Kunst, ohne Technik und ohne Schlüssel, nur eine Aufmerksamkeit, die nichts herstellen will.
Manche Texte sind hart und kalt, Johannes etwa lässt dich in der Nacht ohne Trost, und der Trost, den du trotzdem suchst, ist genau das, was sterben soll. Andere sind warm und werden trotzdem hart, sobald du sie nicht als Gefühl missbrauchst. Rumi klingt nach Liebe, und diese Liebe kostet dich das, was du festhalten wolltest, Eckhart klingt nach Freiheit, und Freiheit heißt bei ihm, dass du ablässt, Ramana klingt nach Stille, und die Stille ist Arbeit, und Simone Weil klingt nach Pflicht, und ihre Pflicht ist ein Blick, der die Welt nicht schöner redet, als sie ist.
Du merkst, dass du ernsthaft liest, daran, dass du weniger sagst, nicht weil die Mystik geheim wäre, sondern weil du gemerkt hast, wie schnell ein Satz zur Ware wird. Ein Mystiker wagt das Unsagbare, und du wagst es, ihn nicht sofort weiterzugeben, sondern erst zu reden, wenn der Text in dir gearbeitet hat, denn vorher wäre es nur ein Echo.
Wann hörst du auf zu sammeln?
Wenn dir die Namen genügen und das Sitzen anfängt, oder das Lesen, oder ein Gebet, das keine Meinung mehr ist. Die Namen sind eine Schwelle, und dahinter liegen Stimmen und kein Zirkel, dem du beitreten müsstest. Du musst nicht alle kennen, es reicht, wenn du eine ernst nimmst, und die anderen warten auf dich, ohne eifersüchtig zu werden.
Ein Mystiker ist jemand, der gesprochen hat, obwohl die Sache für jeden Mund zu groß ist, und du liest ihn, damit dein eigener Mund kleiner wird und dein Hören größer. Wenn aus den Stimmen eine Sammlung wird und aus der Sammlung ein Besitz, dann hast du genau das zurückgeholt, wovon sie dich wegbringen wollten, und darum lohnt es sich, bei einer Stimme zu bleiben, statt viele zu horten.