Wege der Mystik

Hildegard von Bingen — Seherin, Vision und Scivias

Darstellung der Hildegard von Bingen
Hildegard empfängt und diktiert eine Vision (mittelalterliche Darstellung).

Hildegard von Bingen ist die Seherin des zwölften Jahrhunderts, die in Visionen, Briefen und dem Werk Scivias die christliche Mystik mit einer Stimme versehen hat, die Kosmos, Kirche und Seele zusammendenkt, ohne dass daraus bei ihr ein Kräuterladen oder ein Wellness-Produkt wurde.

Wer war Hildegard von Bingen, wenn sie mehr ist als die Frau auf dem Kräuterregal?

Sie wurde 1098 in Bermersheim bei Alzey geboren, als zehntes Kind einer adligen Familie, und wurde früh dem klösterlichen Leben anvertraut, zuerst bei Jutta von Sponheim auf dem Disibodenberg. Später führte sie eine Frauengemeinschaft, gründete das Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen und eine Tochtergründung in Eibingen, und starb 1179. Die Kirche gedenkt ihrer am 17. September; 2012 erhob sie Papst Benedikt XVI. zur Kirchenlehrerin. Das sind die äußeren Daten, und sie reichen, um zu wissen, dass sie keine Randfigur war.

Was dich hier trifft, sitzt nicht in der modernen Hildegard-Industrie, die aus ihr oft eine Heilerin für alles macht. Hildegard hat über Pflanzen, Steine und den menschlichen Körper geschrieben, ja, und sie hat Musik komponiert und gepredigt und mit Päpsten und Äbten korrespondiert. Aber der Kern ihrer Mystik ist die Vision: Sie beschreibt sich als jemand, der von Kindheit an Lichterscheinungen und innere Schau empfängt und später den Auftrag spürt, das Gesehene aufzuschreiben. Wer sie nur als Naturheilkunde-Marke liest, hat Scivias nicht gelesen. Wer sie nur als heilige Frau ohne Streit und ohne Kirche rahmt, hat ihre Briefe nicht gelesen.

Sie war Äbtissin, Theologin, Komponistin und öffentliche Stimme in einer Zeit, in der Frauen selten so weit gehört wurden. Das macht sie nicht zur modernen Ikone für jede Debatte. Es macht sie zu einer konkreten Person des zwölften Jahrhunderts, die Gott sah und darüber sprach, und die Kirche und Welt mit derselben Strenge tadelte, mit der sie die Seele zur Demut rief.

Was ist Scivias, wenn es kein Bilderbuch der Esoterik ist?

Scivias, „Wisse die Wege“, ist ihr erstes großes Visionswerk, entstanden in den Jahren um 1141 bis 1151. Hildegard diktiert, was sie schaut: Bildfolgen von Schöpfung, Erlösung, Kirche, Tugenden und Lastern, vom Menschen in der Mitte der Welt und von Gott, der alles durchdringt. Der Text ist dicht, bildhaft, manchmal schwer, und die mittelalterlichen Miniaturen, die später dazukommen, versuchen diese Schau sichtbar zu machen, ohne sie zu ersetzen.

Das Wort Vision meint bei ihr nicht Tagtraum und nicht ein privates Hochgefühl. Es meint eine Schau, die sie als Auftrag versteht und die sie prüfen lässt. Sie schreibt an Bernhard von Clairvaux und an kirchliche Oberhirten, und die Anerkennung, die sie erfährt, ist Teil der Geschichte: Ihre Stimme soll nicht als Schwärmerei abgetan werden. Du brauchst daraus keinen Beweisparcours zu machen. Du brauchst nur zu hören, dass Hildegard ihre Mystik nicht als Besitz feiert, sondern als Dienst am Wort, das sie empfangen zu haben glaubt.

Neben Scivias stehen später der Liber Vitae Meritorum, das Buch der Lebensverdienste, und der Liber Divinorum Operum, das Buch der göttlichen Werke, in dem der Mensch als Mikrokosmos im großen Bau der Schöpfung erscheint. Die Linie bleibt dieselbe: Gott ist lebendig, die Welt ist durchwirkt, und die Seele soll wach werden für das, was in ihr und um sie geschieht.

Was meint Viriditas, die Grünkraft, wenn das kein Marketingwort ist?

Hildegard spricht von viriditas, der Grünkraft oder dem Grünwerden: dem lebendigen Saft Gottes in der Schöpfung, der welkt, wenn die Seele sich Gott entzieht, und der wiederkehrt, wo Demut und Gehorsam Raum geben. Das klingt heute leicht nach Naturromantik, und genau deshalb musst du vorsichtig lesen. Bei ihr ist Grün nicht Lifestyle und nicht ein Produkt, das du kaufen kannst. Es ist ein Bild für das Leben Gottes, das in der Welt und in der Seele wirken will.

Wenn du dieses Wort hörst und sofort an Tees und Steine denkst, bist du schon in der SERP gelandet, die Hildegard als Marke verkauft. Wenn du merkst, dass sie mit Grün die Frische meint, mit der Gott die trockene Seele wieder belebt, kommst du näher. Die Mystik sitzt hier nicht in der Apotheke. Sie sitzt in der Frage, ob dein Inneres noch grünt oder schon verdorrt ist vor lauter Selbstbeschäftigung.

Wie steht sie neben Mechthild, Bernhard und dem späteren Strom?

Mit Mechthild von Magdeburg teilt sie die Frauenstimme und die Kühnheit, Gott auf Deutsch bzw. in einer Sprache der Erfahrung zu bezeugen, und doch ist der Ton ein anderer. Hildegard schaut kosmisch und spricht oft als Seherin mit öffentlichem Auftrag. Mechthild spricht intimer, als Liebende und Geprüfte, und ihre Minne ist schroffer und zarter zugleich. Beide gehören zur christlichen Mystik des Mittelalters, und keines der Profile darf das andere schlucken.

Zu Bernhard von Clairvaux steht sie in Briefkontakt und in derselben Epoche der Braut- und Reformbewegungen, ohne seine Hohelied-Predigt zu kopieren. Bernhard denkt die Liebe der Seele zu Gott; Hildegard denkt die Schau, in der Gott die Wege zeigt. Später wird die rheinische Mystik spekulativer und seelsorgerlicher predigen, und Teresa und Johannes werden die innere Burg und die Nacht beschreiben. Hildegard bleibt am Anfang dieses abendländischen Reichtums eine der klarsten Frauenstimmen: Vision als Verantwortung, nicht als Schmuck.

Wie liest du Hildegard, ohne sie zur Projektionsfläche zu machen?

Langsam, und ohne den Drang, aus ihr eine Heilpraktikerin, eine Feministin avant la lettre oder eine Kirchenfeindin zu schnitzen, die sie so nicht war. Sie war Benediktinerin, gehorsam und streitbar zugleich, und sie konnte Bischöfe tadeln und trotzdem in der Kirche bleiben. Lies zuerst Scivias oder wenigstens Auszüge, und hör auf die Bilder: Licht, Mensch, Kirche, Tugenden. Frag dich nicht sofort, was du daraus für deine Ernährung machen kannst. Frag dich, was sie über Gott und die Seele sagt.

Achte auf den Auftragston. Wenn Hildegard schreibt, als müsse sie reden, weil Schweigen Ungehorsam wäre, dann ist das kein Content-Plan. Dann ist das der Druck einer Erfahrung, die weitergegeben werden will. Du musst diese Erfahrung nicht nachstellen und keine Visionen herbeizwingen. Es reicht, wenn du merkst, dass Mystik bei ihr öffentlicher Dienst und innere Schau zugleich ist, und dass beides Demut verlangt.

Was bleibt von der Seherin, wenn der Markt verstummt?

Es bleibt eine Frau, die Gott sah und darüber sprach, als die Welt noch Latein als Hochsprache der Theologie pflegte und eine Stimme wie die ihre trotzdem durchdrang. Es bleibt Scivias als Einladung, die Wege Gottes nicht mit deinen Abkürzungen zu verwechseln. Es bleibt viriditas als Bild für lebendige Nähe, nicht als Marke. Und es bleibt die Warnung, Hildegard nicht kleiner zu machen, als sie ist, indem du nur das verwertest, was sich heute verkauft.

Hildegard verspricht dir keine Technik und keine Heilung als Produkt. Sie gibt dir eine Seherschaft, die sagt: Gott durchwirkt die Welt, und die Seele soll wach werden. Wenn du das hörst und danach wieder abwäschst oder zur Arbeit gehst, hast du mehr verstanden als jemand, der aus ihren Visionen nur schöne Miniaturen und aus ihrem Namen nur einen Laden macht. Bei ihr bleibt die Mystik eine Schau mit Auftrag, und Aufträge hält man nicht als Souvenir fest, man lässt sich von ihnen prüfen.