Wege der Mystik

Marguerite Porete — Der Spiegel der einfachen Seelen

Handschriftenseite Folio 1r des Mirouer des simples âmes (Chantilly Ms 157)
Chantilly, Musée Condé Ms. 157 (BDC MS0157), fol. 1r: Inhaltsverzeichnis und Titelzeilen des französischen Mirouer des simples âmes. Späte Abschrift, kein Autograph und kein zeitgenössisches Porträt — deshalb ihr Text, nicht ein erfundenes Gesicht. Commons File:Marguerite_Porete,_Mirouer_des_simples_âmes,_Chantilly_BDC_MS0157,_006_f.1r.jpg (PD-France).

Marguerite Porete ist die Begine, die um 1300 den Spiegel der einfachen Seelen schrieb und 1310 in Paris auf dem Scheiterhaufen starb, weil ihr Buch von einer Liebe sprach, die den Willen so weit aufgibt, dass die Kirche darin Häresie hörte und viele Leser später darin eine der kühnsten Stimmen der christlichen Mystik wiederfanden.

Wer war Marguerite Porete, wenn sie keine Märtyrerin aus dem Bilderbuch ist?

Über ihr äußeres Leben wissen wir wenig, und das Wenige kommt vor allem aus den Akten ihres Prozesses. Sie stammte aus dem Raum Hainaut, wahrscheinlich aus dem Umfeld von Valenciennes, und lebte als Begine: eine fromme Frau in einer Lebensform zwischen Kloster und Welt, ohne die klassischen Ordensgelübde, aber mit einem Leben, das Gebet, Armut und innere Freiheit ernst nahm. Beginen wurden oft verdächtigt, weil sie nicht in die gewohnten Schubladen passten, und genau dort hat Porete geschrieben, was sie von der vernichteten Seele und der göttlichen Liebe zu sagen hatte.

Ihr Buch zirkulierte, wurde verboten, verbrannt, und sie gab es trotzdem weiter. In Valenciennes ließ der Bischof eine Abschrift vernichten; Porete blieb bei ihrem Text. Später, in Paris, nahm die Inquisition den Fall auf. Am 1. Juni 1310 wurde sie auf der Place de Grève verbrannt, zusammen mit ihrem Buch. Sie hat, soweit die Quellen das erkennen lassen, widerrufen, was sie für unwahr hielt, und nicht widerrufen, was sie für wahr hielt. Das ist keine Heldengeschichte und kein Aufruf, und es ist auch kein Grund, sie zur modernen Ikone für jede Debatte zu machen, die sie selbst so nicht geführt hat. Es ist die Geschichte einer Frau, die einen Text nicht zurücknahm.

Dass wir den Spiegel überhaupt noch lesen können, verdanken wir einer merkwürdigen Überlieferung. Lange galt das Werk anonym oder unter falschem Namen; erst im zwanzigsten Jahrhundert hat die Forschung es wieder Marguerite Porete zugeordnet. Es gibt mittelalterliche Übersetzungen und Abschriften, darunter lateinische und volkssprachliche Fassungen, und die französische Handschrift aus Chantilly, die heute als wichtige Zeugin gilt, ist eine späte Kopie, kein Autograph. Du liest also eine Stimme, die durch Verbot, Abschreiben und Wiederentdecken zu dir gekommen ist, und das gehört zur Wahrheit des Buches dazu.

Was ist der Spiegel der einfachen Seelen?

Es ist kein Traktat im Schulstil und kein Erbauungsbüchlein. Es ist ein Dialog, in dem Stimmen reden: die Seele, die Liebe, die Vernunft, und manchmal noch andere Figuren, die Fragen stellen, widersprechen, erklären. Porete lässt die Seele einen Weg gehen, der nicht in frommen Leistungen endet, sondern in dem, was sie anéantissement nennt, Vernichtung: nicht Selbsthass, sondern das Ende des besitzenden Willens, der Gott und sich selbst zugleich verwalten will.

Die „einfache Seele“, die âme anéantie, will nichts mehr für sich. Sie will nicht verdienen, nicht aufsteigen, nicht geistlich glänzen. Sie bleibt in dem, was Porete Liebe nennt, und diese Liebe ist bei ihr keine Stimmung und kein Besitz. Vernunft protestiert, weil Vernunft Stufen, Regeln und Sicherheiten will, und genau deshalb muss Vernunft im Buch immer wieder schweigen lernen. Das klingt hart, und Porete meint es hart. Sie schreibt nicht, damit du dich schöner fühlst. Sie schreibt, damit du merkst, wie sehr dein frommes Ich noch mitredet, wenn du „Gott“ sagst.

Deshalb wirkt der Spiegel manchmal wie eine Zumutung. Er spricht von einer Freiheit, die kirchliche und moralische Ohren als Freibrief missverstehen können, und Porete wehrt sich gegen dieses Missverständnis, ohne die Radikalität zurückzunehmen. Die vernichtete Seele braucht keine Werke mehr als Verdienst, und zugleich leugnet Porete nicht, dass der Weg dorthin durch Gehorsam, Armut und Prüfung führt. Wer das Buch als Ausrede für Beliebigkeit liest, hat es nicht gelesen. Wer es als System liest, das man besitzt, auch nicht.

Warum hat man sie verbrannt, und was heißt das für dich?

Weil ihr Buch die Grenze zwischen innerer Erfahrung und öffentlicher Lehre gefährlich machte. Die Inquisition hörte darin die Behauptung, eine Seele könne so frei werden, dass Gesetz und Verdienst sie nicht mehr binden, und sie hörte darin eine Gefahr für die Ordnung. Porete hörte darin etwas anderes: dass Gott die Seele nicht als Händlerin will, die Leistungen gegen Lohn tauscht. Zwischen diesen beiden Hörweisen liegt der Prozess, und du musst ihn nicht romantisch machen, um ihn ernst zu nehmen.

Für dich heute heißt das vor allem: Lies sie langsam und ohne den Drang, aus ihrem Tod eine Ware zu machen. Porete ist keine Marke für Rebellion und keine Belegstelle für alles, was du an Institutionen hasst. Sie ist eine Mystikerin der Liebe, die den Willen so weit öffnet, dass nichts Eigenes mehr dazwischensteht, und genau das hat sie teuer zu stehen gekommen. Wenn du das hörst und danach wieder abwäschst oder zur Arbeit gehst, hast du mehr verstanden als jemand, der aus ihrem Scheiterhaufen ein Symbol schnitzt.

Wie steht sie neben Mechthild und Eckhart?

Mit Mechthild von Magdeburg teilt sie die Begine und die Minne-Sprache: Gott und Seele reden wie Liebende, und Nähe kostet. Mechthild lässt das Licht fließen und die Seele klagen, scheitern, wiederkehren. Porete geht noch schärfer auf den Willen zu und fragt, was übrigbleibt, wenn die Seele nichts mehr will, nicht einmal den eigenen Fortschritt. Beide gehören zur Frauenmystik des dreizehnten und frühen vierzehnten Jahrhunderts, und keine ersetzt die andere.

Mit Meister Eckhart teilt sie die Bewegung des Abnehmens. Eckhart spricht von Gelassenheit und Gottesgeburt im Seelengrund; Porete von der vernichteten Seele, die in der Liebe bleibt. Die Bilder unterscheiden sich, die Temperatur auch, und doch hörst du in beiden, dass Gott kein Etwas ist, das du besitzen kannst. Eckhart predigte als Dominikaner und Lehrer; Porete schrieb als Begine ohne Amt. Beide wurden verdächtigt. Beide lassen dich mit einer Frage zurück, die unbequem bleibt: Was hältst du noch fest, während du Gott suchst?

Was kannst du mit dem Spiegel anfangen, ohne ihn zu besitzen?

Lies ein Kapitel oder einen Dialog langsam, nicht um Sätze zu sammeln, sondern um zu merken, wo die Vernunft in dir protestiert. Wenn Porete von der einfachen Seele spricht, frag dich, was in dir gerade noch verdienen, beweisen oder vorzeigen will. Du musst nichts davon vernichten im billigen Sinn. Es reicht, wenn du es siehst und einen Moment lang nicht weiterfütterst.

Porete verspricht dir keine Technik und keinen Aufstieg in sieben Wochen. Sie gibt dir einen Spiegel, und Spiegel schmeicheln nicht. Wenn du nach der Lektüre ruhiger bist und zugleich unruhiger, hast du sie wahrscheinlich richtig gelesen: ruhiger, weil die Liebe trägt, unruhiger, weil die Liebe den Händler in dir entlässt. Wer aus dem Spiegel eine Sammlung schöner Zitate macht, verfehlt ihn; bei Porete geht es um den Preis der Freiheit, und der Preis heißt: du hörst auf, dich selbst als Eigentümer deiner Seele zu führen.