Wege der Mystik

Johannes Tauler — Prediger des inneren Grundes

Seite aus Taulers Predigten (Druck 1522)
Druckseite „Predig Doctor Jo. Tauleri“ (1522). Ein gesichertes zeitgenössisches Porträt ist nicht überliefert — deshalb seine Predigt, nicht ein erfundenes Gesicht.

Johannes Tauler ist der Prediger der rheinischen Mystik, der Meister Eckharts spekulative Kraft in eine Sprache übersetzt, die du in der Kirche und am Küchentisch hören kannst, ohne dass dir jemand eine Theorie über den Seelengrund verkauft.

Wer war Johannes Tauler, wenn er kein zweiter Eckhart ist?

Tauler wurde um 1300 in Straßburg geboren und trat in den Dominikanerorden ein, denselben Orden, in dem auch Meister Eckhart wirkte. Er hat Eckhart gehört, gelesen, gelitten an dem, was mit ihm geschah, und trotzdem nicht aufgehört, von demselben inneren Ort zu sprechen, den Eckhart den Seelengrund nannte. Nur dass Tauler dich nicht in die Spekulation schickt. Er schickt dich in dein Leben. Sein Amt ist die Predigt, und seine Kunst besteht darin, hohe Mystik so zu sagen, dass ein Hörer mit Alltag sie tragen kann, ohne sie zu verwässern.

Er predigte in Straßburg, in Basel, in Köln, und die Leute, die ihn hörten, waren nicht nur Mönche. Bürger, Beginen, einfache Gläubige kamen, weil er von einem Gott sprach, der sich nicht in frommen Leistungen fangen lässt, und weil er zugleich so praktisch war, dass du nach der Predigt wusstest, was du heute lassen kannst. 1361 ist er in Straßburg gestorben, mitten in einer Zeit, die Pest und Streit und kirchliche Unruhe kannte, und seine Predigten sind geblieben, weil sie nicht von der Unruhe leben, sondern von dem, was darunter wartet.

Du triffst bei Tauler keine Heldengeschichte und keine Sammlung von Wundern. Du triffst einen Dominikaner, der den Menschen ernst nimmt, der vor ihm sitzt, und der die spekulative Höhe seines Ordensbruders nicht verleugnet, aber auch nicht nachspielt. Wenn du seine Predigten liest, merkst du schnell, dass er weniger beweisen als führen will, und führen heißt bei ihm: dich aus dem Geschäft herausholen, mit dem du Gott und dich selbst zugleich bedienen willst. Das ist sein Profil-Job: nicht Biografie als Minne-Roman, nicht Spekulation als Lehrgebäude, sondern Predigt als Seelsorge des Grundes.

Was meint Tauler mit dem inneren Grund?

Der innere Grund, grunt, ist bei ihm der Ort in dir, an dem Gott dich trifft, ohne dass du vorher etwas vorzeigen musst. Eckhart hatte davon als Seelengrund gesprochen, und Tauler nimmt das Wort und macht daraus eine Seelsorge. Er sagt im Kern: Solange du dich mit Bildern, Absichten und geistlichen Erfolgen beschäftigst, bleibst du an der Oberfläche, und die Oberfläche kann sehr fromm aussehen. Der Grund beginnt dort, wo du aufhörst, dich selbst zu verwalten.

Das klingt nach Leere, und Tauler meint keine Leere, die dich kälter macht. Er meint ein Loslassen, das Platz schafft. Du gibst Gott nicht etwas Besseres von dir, du hörst auf, das Schlechtere und das Bessere vor ihm aufzubauen. Viele seiner Predigten kreisen genau darum: der Mensch will Gott besitzen, und Gott will den Menschen frei, und solange der Wille sich selbst zum Mittelpunkt macht, bleibt der Grund verschlossen, auch wenn du jeden Tag betest.

Deshalb warnt Tauler so oft vor den „Bildern“, und damit meint er nicht nur gemalte Heiligenbilder, sondern alles, was sich zwischen dich und die Sache schiebt: Absichten, geistliche Pläne, das Bedürfnis, voranzukommen, sogar das fromme Selbstbild eines Menschen, der „schon tiefer“ ist als die anderen. Der Grund wird nicht erarbeitet wie ein Handwerk. Er wird freigegeben, und das Freigeben tut weh, weil dein Ich dabei seinen Posten verliert. Bei Tauler heißt das oft Gelassenheit: nicht Gleichgültigkeit, sondern das Ablegen dessen, womit du Gott und dich zugleich steuern willst.

Was hörst du in seinen Predigten, wenn du sie als Predigten nimmst?

Taulers Werk sind vor allem Predigten, keine große Autobiografie und kein Lehrbuch in Kapiteln. Sie hängen am Kirchenjahr, an Festen, an Lesungen, und doch wiederholen sie eine Bewegung: vom äußeren Tun nach innen, von den Bildern zum Grund, vom eigenen Willen zur Gelassenheit. Du merkst das schon am Ton. Tauler redet dich an, als säßest du im Schiff der Kirche und nicht in einem Seminar. Er kennt den Hörer, der leisten will, den Hörer, der Angst hat, und den Hörer, der sich schon für erwählt hält.

Gerade deshalb bleiben die Predigten nah am Alltag. Er spricht von Arbeit, Armut, Krankheit, Streit, von der Versuchung, fromm zu wirken, und von der anderen Versuchung, gar nicht erst anzufangen, weil man sich für ungeeignet hält. Mystik wird bei ihm nicht zur geheimen Elite und nicht zum Pflichtkatalog. Sie wird zur Frage, was du heute festhältst, während du Gott suchst. Nach einer guten Tauler-Predigt weißt du selten „mehr Theorie“. Du weißt eher, welches Bild gerade deine Bühne besetzt.

Das ist auch der Grund, warum man ihn so oft den Übersetzer Eckharts nennt, und warum das Wort trotzdem zu klein ist. Tauler übersetzt nicht nur Wörter. Er übersetzt eine Radikalität in Hörbarkeit. Wo Eckhart den Seelengrund spekulativ freilegt, führt Tauler denselben Grund durch Beispiele, Warnungen und Wiederholungen, bis ein Bürger oder eine Begine merkt: Das meint mich. Die Predigt ist bei ihm Schule ohne Schulstube, und sie will dich nicht schmücken, sondern ehrlich machen.

Warum klingen seine Predigten so nah am Alltag?

Weil Tauler Seelsorger war, bevor er Lehrer war. Er kennt die Versuchung, aus der Mystik eine geheime Elite zu machen, und er kennt die andere Versuchung, aus dem Glauben einen Katalog von Pflichten zu machen. Dazwischen steht bei ihm das konkrete Leben: Arbeit, Armut, Krankheit, die Angst, nicht genug zu sein, und die stolze Sicherheit, schon genug zu sein. Beides hält er für Hindernisse.

Wenn du ihn liest, merkst du, dass er selten mit einer Definition beginnt. Er beginnt mit dem Menschen, der vor ihm sitzt, und führt ihn Schritt für Schritt dahin, wo die Bilder dünn werden. Das ist keine Technik und kein Kurs. Es ist eine Einladung, ehrlich zu werden über das, was du von Gott willst, und über das, was du von dir selbst willst, wenn du „Gott“ sagst. In der christlichen Mystik des Rheins steht er deshalb neben Eckhart und Seuse als die Stimme, die predigt, statt zu spekulieren oder zu dichten. Der Strom wird oft rheinische Mystik genannt, und Taulers Teil darin ist die hörbare Gelassenheit.

Auch politisch und kirchlich unruhige Jahre haben seine Predigt geprägt, ohne dass sie davon leben müsste. Pest, Interdikt, Streit um Ämter und Sicherheit: Tauler predigt nicht, weil die Welt ruhig wäre. Er predigt, weil der Grund tiefer liegt als die Unruhe. Wer ihn nur als Krisenautor liest, verengt ihn. Wer ihn nur als sanften Erbauungsprediger liest, auch. Bei ihm bleibt die Härte der Gelassenheit: Gott will dich frei, und Freiheit beginnt oft damit, dass du aufhörst, geistlich zu posieren.

Wie unterscheidet er sich von Eckhart und Seuse?

Eckhart denkt kühn und spricht von Gelassenheit und Gottesgeburt so, dass spätere Jahrhunderte ihn bald als Ketzer und bald als Meister gelesen haben. Tauler bleibt näher an der Gemeinde. Er mildert nicht die Radikalität, aber er übersetzt sie in eine Sprache, die den Hörer nicht verliert, und er warnt deutlicher vor den Abwegen einer Mystik, die sich selbst berauscht. Bei ihm heißt Gelassenheit oft ganz konkret: lass das Bild fallen, mit dem du vor Gott gut dastehen willst.

Heinrich Seuse, sein Ordensbruder, schreibt die Mystik als Leidensweg und als Minne zur ewigen Weisheit, mit Bildern, die dich berühren und manchmal erschrecken. Tauler bleibt Prediger. Bei ihm findest du weniger Vision und mehr Nüchternheit, weniger Erzählung von sich selbst und mehr Blick auf dich. Alle drei gehören zur rheinischen Blüte, und trotzdem hörst du drei verschiedene Temperaturen desselben Feuers: Eckhart denkt den Grund, Seuse erzählt den Diener, Tauler predigt die Gelassenheit in den Alltag hinein.

Was kannst du heute mit Tauler anfangen, ohne ihn zu besitzen?

Lies eine Predigt langsam, nicht um Sätze zu sammeln, sondern um zu merken, wo er dir widerspricht. Wenn er vom Grund spricht, frag dich, was in dir gerade die Bühne besetzt: die Angst, die Leistung, das fromme Bild von dir. Du musst nichts davon vernichten. Es reicht, wenn du es siehst und einen Moment lang nicht weiterfütterst. Nimm dir lieber eine kurze Predigt als das Gefühl, du müsstest „Tauler können“. Merk den Satz, der dich stört, und trag ihn durch den Tag, ohne ihn sofort in ein Programm zu verwandeln.

Tauler verspricht dir keine Erleuchtung als Produkt und keine Immunität gegen den Alltag. Er gibt dir eine Richtung: Gott sucht dich nicht in dem, was du aufbaust, sondern in dem, was übrigbleibt, wenn du aufhörst zu posieren. Wenn du das ernst nimmst, wird der Tag nicht heiliger aussehen, aber er wird ehrlicher, und Ehrlichkeit war für Tauler näher an Gott als jede geistliche Leistung, die du vorzeigen könntest. Gelassenheit heißt bei ihm nicht, dass nichts mehr wehtut. Sie heißt, dass du aufhörst, den Schmerz, die Frömmigkeit und den Fortschritt zu Besitzstücken zu machen, mit denen du Gott und dich zugleich verwaltest.