Nikolaus von Kues, lateinisch Nicolaus Cusanus, ist der Kardinal und Denker des fünfzehnten Jahrhunderts, der in der docta ignorantia, der gelehrten Unwissenheit, und in der coincidentia oppositorum, dem Zusammenfall der Gegensätze, eine der klarsten Stimmen der christlichen Mystik nach Dionysius und vor der Neuzeit gefunden hat: Gott übersteigt dein Wissen so sehr, dass du ihm näherkommst, indem du lernst, wie wenig du weißt.

Adolphe Varin, Portret van Nicolaas van Cusa (1881, Rijksmuseum RP-P-1913-3295): Stich nach älterem Porträttypus — noch nicht koloriert. Kein lebensnahes Foto; Commons-Vorlage CC0.
Wer war Nikolaus von Kues, wenn er mehr ist als ein Name auf einer Moselstadt?
Er wurde 1401 in Kues an der Mosel geboren, dem heutigen Bernkastel-Kues, als Sohn eines Schiffers, und der Nachname Kryffts oder Krebs taucht in den Quellen auf, bevor die Gelehrtenwelt ihn nach dem Ort nannte. Er studierte in Heidelberg und Padua, wurde Jurist und Theologe, wirkte auf Konzilien, wurde 1448 Kardinal und später Bischof von Brixen. 1464 starb er in Todi in Umbrien. In Kues gründete er das St.-Nikolaus-Hospital, eine Stiftung für Arme und Alte, die bis heute an ihn erinnert, und dort steht auch das zeitgenössische Stifterbild, das du oft als sein Gesicht siehst: kein modernes Foto, sondern ein gemaltes Andenken eines lebenden Stifters.
Du solltest aus diesem Lebenslauf keinen Heiligenkalender zimmern. Cusanus war Kirchenmann, Diplomat, Reformer, Mathematiker und Philosoph in einer Person, und seine Mystik wächst nicht aus einer Klosterzelle allein, sondern aus dem Versuch, Gott zu denken, ohne ihn zu fangen. Wer ihn nur als Spekulanten liest, verpasst den Seelsorger und Stifter. Wer ihn nur als frommen Kardinal rahmt, hat De docta ignorantia nicht gelesen.
Was meint die docta ignorantia, die gelehrte Unwissenheit?
De docta ignorantia erschien um 1440 und ist sein bekanntestes Werk. Der Titel klingt nach Widerspruch, und genau das ist die Pointe. Unwissenheit meint hier nicht Faulheit und nicht Verachtung des Denkens. Sie meint die Einsicht, dass Gott jedes Maß übersteigt, mit dem du ihn messen willst. Du kannst Kreise mit Vielecken annähern, und je mehr Ecken du setzt, desto näher kommst du dem Kreis, und doch bleibst du immer diesseits. So ist es mit dem Wissen von Gott: Je genauer du suchst, desto klarer wird, dass du ihn nicht besitzt.
Das ist die Linie der Via Negativa, die Dionysius begonnen hat und die in der Wolke des Nichtwissens und bei Meister Eckhart weiterklingt. Cusanus gibt ihr eine mathematische und philosophische Schärfe. Er will nicht, dass du aufhörst zu denken. Er will, dass dein Denken lernt, seine Grenze zu kennen, und genau dort, wo das Wissen demütig wird, öffnet sich Raum für etwas, das Wissen nicht herstellen kann. Gelehrte Unwissenheit ist also keine Ausrede, dumm zu bleiben. Sie ist die höchste Form der Gelehrsamkeit: Du weißt, dass Gott größer ist als dein Begriff.
Wenn du das hörst und danach wieder glaubst, du hättest Gott jetzt endlich erklärt, hast du Cusanus verfehlt. Wenn du merkst, dass deine frommen Sätze plötzlich zu eng werden, hast du ihn wahrscheinlich richtig gelesen.
Was ist die coincidentia oppositorum, der Zusammenfall der Gegensätze?
Cusanus sagt, in Gott fallen die Gegensätze zusammen. Maximum und Minimum, Ruhe und Bewegung, Eins und Vieles: Was für uns auseinanderliegt, ist in Gott nicht zweierlei. Das ist keine Spielerei mit Paradoxen und kein Aufruf, alle Unterschiede in der Welt für nichts zu erklären. Es ist eine Aussage über Gott, nicht über deine Küche. In der endlichen Welt bleiben Gegensätze Gegensätze. In Gott, der kein Etwas unter Dingen ist, endet die Logik, mit der du „entweder–oder“ verwaltest.
Daraus folgt bei ihm keine billige Einheitssuppe, in der alles eins wird und nichts mehr zählt. Es folgt eine Demut: Du kannst Gott nicht zwischen deinen Begriffen einklemmen, weil deine Begriffe Paare brauchen und Gott das Paar übersteigt. Die coincidentia ist deshalb nah an der Mystik, auch wenn Cusanus oft wie ein Philosoph klingt. Er führt dich an eine Grenze, und an der Grenze wird Beten und Denken dieselbe Bewegung: Du lässt den Besitzanspruch fallen.
Neben De docta ignorantia stehen Werke wie De coniecturis, De visione Dei und Schriften zur Kirchenreform und zur Mathematik. In De visione Dei lässt er dich Gott als Blick denken, der dich ansieht, wohin du dich auch wendest, und dieses Bild ist so einfach und so tief, dass es oft länger bleibt als seine spekulativen Sätze. Du brauchst nicht alle Titel. Du brauchst die Richtung: Gott ist nicht der Gegenstand deiner Methode.
Wie steht er neben Eckhart, der Wolke und der späteren Mystik?
Mit Meister Eckhart teilt er die Bewegung des Abnehmens und die Nähe zur negativen Theologie. Eckhart predigt Gelassenheit und Gottesgeburt im Seelengrund; Cusanus denkt gelehrte Unwissenheit und den Zusammenfall der Gegensätze. Eckhart ist Prediger und Dominikaner; Cusanus ist Kardinal und Systemdenker. Beide lassen dich nicht mit einem fertigen Gott-Besitz zurück, und beide wurden gelesen, geliebt, verdächtigt und später wieder entdeckt.
Zur anonymen Wolke des Nichtwissens steht er in derselben Dionysius-Linie: Du kommst Gott nicht durch Anhäufen von Bildern näher, sondern durch ein Nichtwissen, das liebt. Die Wolke spricht übender und seelsorgerlicher; Cusanus spricht oft spekulativer und mit geometrischen Bildern. Beide meinen nicht denselben Text, und doch hörst du denselben Atem: Gott ist größer als dein Griff.
Später lesen ihn Humanisten und Neuzeit, und manchmal wird aus Cusanus ein Vorläufer der Moderne gemacht, als hätte er nur die Wissenschaft vorbereitet. Das kannst du studieren, und es ist nicht falsch, aber auf dieser Site geht es um die mystische Pointe: dass Denken und Demut zusammengehören, und dass die größte Klarheit manchmal darin besteht, Gott nicht mehr als Objekt zu behandeln.
Was kannst du mit Cusanus anfangen, ohne ihn zu besitzen?
Nimm einen Gedanken aus der gelehrten Unwissenheit und trag ihn einen Tag mit, nicht um klüger zu wirken, sondern um zu merken, wo du Gott noch wie eine Gleichung lösen willst. Wenn Cusanus vom Zusammenfall der Gegensätze spricht, frag dich, welche Gegensätze in dir gerade um die Herrschaft kämpfen und ob du sie Gott überstülpen willst. Du musst kein Kardinal werden und kein Mathematiker. Es reicht, wenn du einmal merkst, dass dein Wissen von Gott eine Annäherung ist und keine Eroberung.
Cusanus verspricht dir keine Erleuchtung als Produkt und keine Immunität gegen Zweifel. Er gibt dir eine Haltung: lerne dazu, und lerne zugleich, dass das Letzte sich nicht lernen lässt wie eine Technik. Wenn du das hörst und danach wieder abwäschst oder zur Arbeit gehst, hast du mehr verstanden als jemand, der aus docta ignorantia und coincidentia nur lateinische Souvenirs macht. Bei ihm bleibt die Mystik eine Einladung zur Demut des Denkens, und Demut hält man nicht fest, man übt sie, indem man aufhört, sich selbst zum Maß Gottes zu machen.