Wege der Mystik

Schattenarbeit

Schattenarbeit ist kein Produkt. Du schaust hin, was du nicht sein willst, ohne dir Heilung zu versprechen.

Gemälde zum Schatten
Historisches Gemälde zum Motiv des Schattens.

Schattenarbeit heißt, dass du dir das anschaust, was du an dir nicht haben willst und was trotzdem jeden Morgen mit dir aufsteht. Das Wort klingt heute nach Kurs und nach einem besseren Menschen in dreißig Tagen, aber gemeint ist etwas, das viel einfacher ist und dafür unbequemer. Irgendwann hast du angefangen, bestimmte Seiten von dir wegzuschieben, weil sie nicht gut ankamen, und was du weggeschoben hast, ist nicht verschwunden, es wartet. Es wartet in der Gereiztheit am Abend, in einem Satz, der strenger herauskommt, als du ihn gemeint hast, und vor allem in dem, was du an anderen nicht ausstehen kannst, weil es dir näher ist, als dir lieb ist.

Was ist der Schatten, wenn er kein Feind ist?

Jung hat mit dem Wort Schatten den Teil von dir gemeint, den du verdrängst, den du also aus dem Bewusstsein schiebst, weil er nicht zu deinem Bild von dir passt. Da denkt man sofort an das Böse, aber zum Schatten gehört genauso das Ungelebte, alles, wofür in deinem Elternhaus kein Stuhl am Tisch stand. Stell dir ein frommes Kind vor, das früh lernt, dass Wut unchristlich ist. Das Kind hört ja nicht auf, wütend zu sein, es versteckt die Wut nur, und dann wird sie höflich, oder sie wird still, oder sie taucht Jahre später als der Partner auf, an dem du dich abarbeitest.

Der Schatten ist auch nicht der Teufel, mit dem die Menschen das Unerträgliche nach draußen gestellt haben, er wohnt innen und gehört zu dir, auch wenn du ihn nie eingeladen hast. Wenn du ihn zum Feind erklärst, wird er stärker, weil du ihm deine ganze Kraft gibst, und wenn du ihn zum verborgenen Schatz erklärst, hast du ihn schon wieder geschmückt und musst ihn wieder nicht ansehen. Begegnen meint etwas Leiseres, nämlich dass du aufhörst, so zu tun, als wärst du nur der freundliche Mensch, den die anderen kennen.

Dieser Blick stammt aus der Tiefenpsychologie Jungs, also aus einer Psychologie, die nach dem fragt, was unter der Oberfläche liegt. Ohne diese Herkunft wird Schattenarbeit schnell zu einem Modewort, das jede Laune und jeden schlechten Tag schluckt, aber wenn du sie mitnimmst, bleibt die Sache genau, denn dann geht es um dich und um das, was dir unangenehm ist.

Warum siehst du ihn zuerst in anderen?

Weil es leichter ist, auf den anderen zu zeigen, als sich zu schämen. Was du selbst nicht sein darfst, erkennst du draußen sofort: Der Kollege ist so arrogant, die Schwester ist so bedürftig, und der Mensch im Netz, der so heilig tut, ist doch falsch. Manchmal stimmt das sogar, und es trifft trotzdem dich. Jung nannte das Projektion, das heißt, du wirfst etwas von dir auf einen anderen wie ein Bild auf eine Leinwand. Du erkennst es an einem Stich, der zu groß ist für den Anlass, und so ein Stich sagt wenig über die Welt, aber viel darüber, was in dir wartet und gesehen werden will.

Deshalb sind Beziehungen der Spiegel, den du nie bestellt hast, denn bei dem Menschen, den du liebst oder nicht mehr lieben willst, kommt alles hoch, was du sonst im Griff hast. Du musst darum keine Werkstatt aus deiner Beziehung machen, es reicht, wenn du den Stich ernst nimmst, bevor du anfängst, den anderen umzubauen.

Stell dir vor, du kommst abends müde nach Hause, und am Tisch fällt ein kleiner Satz, vielleicht nur die Frage, ob du ans Brot gedacht hast. Und deine Antwort ist viel zu groß, sie hat eine Schärfe, die dich selbst überrascht. Später weißt du, dass der Satz klein war und deine Antwort aus einem alten Vorrat kam, und dieser Vorrat ist das, was Jung den Schatten nennt. Du musst keinen Vortrag über deine Kindheit halten, es genügt, dass du bemerkst, aus welchem Vorrat du gerade gesprochen hast, und es vielleicht sogar schlicht aussprichst.

Was heißt integrieren, wenn du dabei nicht edler wirst?

Integrieren ist ein Fachwort, und eigentlich meint es nur, dass etwas wieder dazugehören darf. Du machst also nicht aus deiner Wut eine besondere Kraft, die du stolz vor dir herträgst, sondern du hörst auf, sie zu leugnen, und gibst ihr einen Platz, an dem sie da sein darf, ohne die Regie zu übernehmen. Edler wirst du dadurch nicht, aber du bist weniger gespalten, und weil du jetzt weißt, dass du auch zornig und kleinlich sein kannst, musst du es nicht mehr hinter deinem eigenen Rücken sein.

Das geht langsam, und es geschieht mitten im Alltag, wenn du plötzlich einen Ton in deiner Stimme hörst, den du von deinem Vater kennst, oder wenn du merkst, wen du kleinmachst, damit du selbst groß bleiben kannst, oder wenn du einen Atemzug wartest, bevor du dich reinwäschst. Wenn das Weggeschobene dich allerdings überschwemmt, dann gehört das nicht in ein Heft, sondern zu einer Therapeutin oder einem Therapeuten, während der kleine Blick im Alltag etwas ist, das du ohne jede Diagnose riskieren kannst.

Und dann gibt es noch den sogenannten goldenen Schatten, damit sind Gaben gemeint, die du dir nicht zugestehst, weil sie nicht in dein Bild passen. Vielleicht hast du Mut und nennst ihn Leichtsinn, damit du klein bleiben kannst, oder du verachtest deine Zärtlichkeit als Schwäche, weil zu Hause nur die Harten etwas galten. Der Schatten ist eben nicht nur das Schmutzige, er ist alles, was dein Ich nicht in die offizielle Lebensgeschichte aufnehmen wollte.

Brauchst du Übungen, ein Tagebuch, einen Plan?

Du brauchst weniger Methode, als dir die Ratgeber erzählen. Ein Heft kann helfen, weil Schreiben einen Satz sichtbar macht, den du sonst nur als Druck im Bauch spürst. Eine Übung mit dem Körper kann helfen, weil der Körper den Schatten oft früher kennt als der Kopf. Aber ein Plan, der dich in dreißig Tagen umbauen soll, hilft vor allem dem Ich, das den Schatten weiter verwalten will.

Pass auch auf, dass du Grübeln nicht mit Schauen verwechselst. Beim Grübeln drehst du denselben Vorwurf um, bis er warm geworden ist, beim Schauen hältst du still, bis der Vorwurf einen Namen bekommt, und dann lässt du ihn stehen. Wenn dein Heft zu einer Anklageschrift wird, gegen dich selbst oder gegen deine Kindheit, dann hast du die Begegnung verlassen und einen Prozess eröffnet.

Wenn du etwas tun willst, das älter ist als jedes Heft, dann schau dir die mystische Praxis an: sitzen, langsam lesen, dich erinnern, bleiben. Auf das Bleiben kommt es an, denn ohne Bleiben wird Schattenarbeit zu einem endlosen Kommentar über dich selbst, und wenn du bleibst, verändert sich die Temperatur, in der deine Gedanken über dich entstehen. Eine Viertelstunde, in der du nicht wegläufst, wenn es unangenehm wird, reicht für den Anfang.

Ist der Schatten dasselbe wie die dunkle Nacht der Mystiker?

Die Mystik kennt auch dunkle Zeiten, sie spricht von der Nacht, von der Trockenheit, in der das Gebet leer wird, und vom Sterben der inneren Bilder. Das klingt verwandt, aber die dunkle Nacht, von der Johannes vom Kreuz geschrieben hat, ist eine Reinigung, die über einen kommt, ohne dass man sie herbeiführen kann. Der Schatten dagegen ist das Persönliche, das, was du selbst nicht anschauen wolltest. Wenn man beides in einen Topf rührt, macht man aus Johannes vom Kreuz einen Lebensberater und aus Jung einen Kirchenvater, und keinem von beiden wird man damit gerecht.

Trotzdem gibt es eine echte Nähe, denn beide verlangen von dir, dass du aufhörst, nur das Licht zu sammeln. Jung hat geschrieben, man werde nicht dadurch erleuchtet, dass man sich Lichtgestalten vorstellt, sondern dadurch, dass man sich die Dunkelheit bewusst macht. Das ist eine Warnung an den Teil in dir, der die Mystik als Schmuck haben möchte, damit er am Unangenehmen vorbeikommt, ohne stehen zu bleiben.

Wann hast du genug geschaut?

Dann, wenn du merkst, dass das Schauen selbst zu einer neuen Flucht geworden ist. Es gibt ein Ich, das den Schatten sammelt, wie andere Leute Reisen sammeln, noch eine Schicht, noch ein Wochenende, und dann ist aus der Begegnung ein Hobby geworden. Genug ist es, wenn der nächste Tag ganz gewöhnlich bleibt, mit Arbeit und Abwasch, und du trotzdem ein bisschen weniger lügst, vor den anderen und vor dir.

Du wirst den Schatten nie ganz leer räumen, denn er ist keine Kammer mit einem Boden, den du irgendwann sauber gefegt hast. Er ist eher die Bewegung, mit der du dich immer wieder vor dir selbst in Sicherheit bringst, und diese Bewegung hört nicht auf, solange du lebst, aber sie kann langsamer werden. Wenn dieser Schutz dünner wird, bist du nicht fertig, du bist ehrlicher geworden, und mit dieser Ehrlichkeit gehst du in deinen gewöhnlichen Tag, ohne einen Kurs daraus zu machen.