Mystische Praktiken sind das, was du tust, und nicht das, was du hinterher erzählst. Du setzt dich hin und bleibst, während der Kopf ein Ergebnis will und das Herz ein Gefühl, das man mit nach Hause nehmen kann, und trotzdem schicken dich die Traditionen, die Mystik wirklich kennen, immer wieder auf denselben Platz. Wer nur sammelt, was ihm passiert ist, hat eigentlich schon aufgehört zu üben, denn die Übung fängt erst an, wenn das besondere Gefühl ausbleibt und du trotzdem da bleibst.
Warum ist das kein Kurs und kein Methodenkoffer?
Weil ein Kurs dir verspricht, dass du nach dreißig Tagen mit einem neuen Ich entlassen wirst, und solche Pläne beruhigen genau die Unruhe, die dir das Sitzen eigentlich zeigen will. Therapie hat ihren Ort, und manchmal ist sie nötig, aber das hier ist etwas anderes. Du optimierst dich nicht, sondern du gibst deiner Aufmerksamkeit einen Platz, an dem sie landen kann, ohne etwas herstellen zu müssen.
Es ist auch kein Sortiment, das du durchprobierst, bis eine Methode nach Erleuchtung schmeckt. Kontemplation, Lectio, Dhikr und Schweigen liegen nicht als Karten auf einem Tisch, sie sind Gesten, die in Religionen gewachsen sind, in Chören, in Zellen, am Küchentisch. Wer sie aus ihrer Tradition reißt und als Trick verkauft, behält die Geste in der Hand, und der Atem ist ihm entkommen.
Du brauchst dafür kein Feuerwerk, du brauchst Wiederholung. Ein Mönch bleibt in seiner Zelle, bis die Zelle ihn lehrt, eine Frau wiederholt einen Namen, bis der Name sie trägt, und jemand liest eine Woche lang denselben Vers, bis der Vers anfängt, ihn zu lesen. Das sind drei Bilder für eine einzige Bewegung, nämlich dass du aufhörst wegzulaufen.
Warum reicht es, einfach zu sitzen?
Kontemplation heißt schauen, und damit ist nicht gemeint, dass du das Göttliche so lange erklärst, bis es klein genug für deinen Verstand ist. Du schaust, und du kleisterst das Schauen nicht mit Sätzen zu. Du setzt dich hin, der Rücken ist aufrecht, weil der Körper mitbetet, auch wenn du das Wort Gebet vielleicht nicht magst, die Hände ruhen, und der Atem kommt und geht, ohne dass du ein Projekt daraus machst.
Am Anfang ist dieses Sitzen ein Kampf, denn der Kopf holt die Liste, den Streit von gestern, den Satz, den du hättest sagen sollen, und du merkst es und kommst zurück, nicht einmal, sondern immer wieder. Dieses Zurückkommen ist die eigentliche Übung, viel mehr als das leere Kissen oder eine Stille, die sich gut auf einem Foto macht.
In der Wüste blieben die Mönche in ihrer Zelle, und die Zelle wurde zur Lehrerin, nicht weil sie magisch war, sondern weil niemand mehr da war, vor dem man hätte fliehen können. Die Hesychasten sitzen mit dem Namen Jesu in der Brust, langsam, im Takt des Atems. Thomas Keating hat das zentrierende Gebet gelehrt, bei dem du ein Wort wählst, die Gedanken kommen lässt, sie loslässt und zu deinem Wort zurückkehrst, und im Zen heißt Zazen einfach nur sitzen, Haltung und Atem ohne Timer-Sieg. Das sind verschiedene Namen für dieselbe Hartnäckigkeit, mit der du bleibst.
Wenn du sitzt, um etwas zu bekommen, sitzt du schon neben dir selbst. Wenn du aber sitzt, weil das Sitzen selbst der Weg ist, merkst du irgendwann, dass sogar das Warten leiser wird. Eine Technik mit Garantie ist das nicht, es ist eher eine Treue, und es ist diese Treue, die eine Viertelstunde auf dem Stuhl von einem Besuch im Erlebnispark unterscheidet.
Was geschieht bei der Lectio Divina, wenn du sie wirklich tust?
Lectio Divina heißt heiliges Lesen, und sie ist im klösterlichen Westen gewachsen. Klassisch spricht man von vier Bewegungen, lectio, meditatio, oratio und contemplatio, also lesen, wiederkäuen, beten und schauen. Viele machen daraus eine Leiter, deren Sprossen man abhakt, aber in Wirklichkeit nimmst du einen kurzen Text, du jagst nicht nach seiner Bedeutung, sondern lässt ein Wort stehen und sitzt eine Weile damit, und vielleicht steigt dann ein Gebet in dir auf, und irgendwann wird auch das Gebet still.
Deshalb ist die Lectio in der christlichen Mystik zu Hause und nicht in einem Wochenendkurs. Sie wächst aus der Liturgie, aus dem Chor, aus Menschen, die dieselben Psalmen Woche für Woche gehört haben, bis die Psalmen sie kannten. Ohne diesen Strom bleibt dir eine Methode, und mit ihm bekommst du einen Atem, der älter ist als deine Unruhe.
Vielleicht liest du zwei Worte, die nach Stille klingen, und willst sie sofort verstehen, und dieses Verstehenwollen ist schon die erste Flucht. Bleib einfach bei den Worten, sie werden schwer, dann werden sie leicht, und irgendwann gibt es mit ihnen nichts mehr zu tun, außer still zu sein. Manche sitzen eine ganze Woche bei demselben Vers, nicht weil sie Askese als Sport betreiben, sondern weil der Vers erst dann zu sprechen beginnt, wenn du aufgehört hast, ihn zu benutzen.
Was wiederholt der Dhikr?
Dhikr heißt Erinnern, und du erinnerst Gott, indem du einen Namen wiederholst, laut oder im Herzen, manchmal einen ganzen Satz, manchmal einen einzigen Namen. Zuerst bewegt sich die Zunge, dann das Herz, und irgendwann ist es, als würde in dir erinnert, ohne dass du dich noch anstrengen musst. Am Anfang zählst du vielleicht mit, später zählst du nicht mehr, weil das Zählen wieder ein Ergebnis wäre.
Der Name ist kein Mantra aus dem Laden, sondern ein Name Gottes in einer Religion, mit Gebet, mit Gemeinde und mit Streit darüber, was erlaubt ist, und darum braucht der Dhikr die islamische Mystik und nicht einen freien Samstag, an dem man Namen ausprobiert. Wer den Namen aus seinem Strom herauslöst, behält nur Silben in der Hand, während die Sufis ihn im Strom gelassen haben, und der Strom hat sie getragen.
Stell dir einen Menschen vor, der morgens zur Arbeit geht, und der Name geht mit ihm. Irgendwann merkt er, dass er den Dhikr gar nicht mehr macht, sondern dass der Dhikr geht und er einfach mitgeht. Das klingt nach Poesie und ist doch ganz alltäglich, Lippen, Atem, Schritt. Dann ist das Erinnern kein Extra neben dem Leben mehr, sondern das Vergessen fällt dir auf wie ein Stein im Schuh, und du kehrst ohne Drama zum Namen zurück.
Warum ist Schweigen mehr als ein stilles Zimmer?
Stille ist das, was bleibt, wenn du aufhörst, den Raum zu füllen, und sie ist keine Technik, bei der der Timer die Trophäe ist. Du kannst in einem schweigenden Haus sitzen und innen trotzdem laut sein. Das äußere Schweigen hilft, aber das innere ist ein Geschenk, und erzwingen kannst du es nicht.
Schweigen als Praxis heißt zunächst nur, dass du eine Weile nicht sprichst, und zwar nicht, um Reinheit zu sammeln, sondern um zu merken, wie viel von dir aus Reden gemacht ist. Sobald der Mund ruht, fängt der Kopf an, Reden zu halten, und auch das ist Reden, und du merkst es und kommst zurück wie beim Sitzen. Stille ist dann nicht die Abwesenheit von Geräusch, sondern der Zustand, in dem du dem Geräusch nicht mehr hinterherlaufen musst.
Manche Wege leben vom Wort, die Lectio vom Wort, der Dhikr vom Namen, und dann kommt ein Punkt, an dem das Wort sich selbst zurücknimmt und du einfach dasitzt, und es ist genug. Wer die Stille jagt, macht dabei Lärm, und wer sitzt, liest und erinnert, dem kann Stille geschehen, und diesen Unterschied merkst du erst, wenn du aufhörst, sie zu bestellen.
Brauchst du einen Plan, einen Lehrer, eine App?
Einen Plan, der dich in dreißig Tagen umbaut, brauchst du nicht. Ignatius von Loyola hat seine Exerzitien für eine begleitete Zeit des Rückzugs geschrieben und nicht für den Posteingang, und eine Struktur ist eben etwas anderes als ein Produkt. Was du brauchst, ist eine Stunde, ein Ort und eine Tradition, die dich hält, wenn dir langweilig wird, denn die Langeweile ist oft der Beginn und nicht das Ende.
Ein Lehrer kann helfen, weil Selbsttäuschung sehr geduldig ist, und eine App kann dich daran erinnern, dass es Zeit ist, aber keine App sitzt für dich, und kein Lehrer kann dir das Bleiben abnehmen. Die Übung bleibt einfach, und einfach ist schwer, morgens, bevor das Haus laut wird, oder abends, wenn alles gesagt ist. Zwanzig Minuten sind kein Heiligtum, sie sind ein Anfang, der sich wiederholt, bis die Wiederholung dich kennt.
Wann gehört die Übung in den ganzen Tag?
Dann, wenn das Sitzen bis in den Abwasch hineinreicht, wenn der Name in der Bahn da ist, ohne dass du ihn anschaltest, und wenn du das besondere Gefühl nicht mehr brauchst, um weiterzumachen. Dann ist aus der Sitzung ein Leben geworden, und dieses Leben ist immer noch gewöhnlich, und das ist kein Verlust, sondern die eigentliche Probe.
Eine Mystik, die nur auf dem Kissen existiert, ist wie eine Insel, und Inseln sind schön, aber du wohnst nicht dort. Du wohnst in Gesprächen, in deiner Arbeit, in deiner Müdigkeit, und die Praxis ist das, was du tust, wenn die Insel hinter dir liegt und niemand applaudiert. Du sitzt, du liest, du erinnerst, du schweigst, und die Erfahrung mag kommen oder nicht, aber sobald du sie jagst, hast du die Praxis schon verlassen, und das ist die ganze Lehre, noch einmal gesagt, weil sie so einfach ist, dass man sie ständig vergisst.