Wege der Mystik

Traditionen im Vergleich

Gemeinsamer Hunger, echte Bruchlinien. Die Traditionen berühren sich, ohne denselben Gott zu meinen.

Mittelalterliche Buchmalerei
Buchseite aus der mittelalterlichen Überlieferung.

Wenn du die mystischen Traditionen vergleichst, heißt das nicht, dass am Ende alles eins ist. Es heißt, dass du hinhörst, wo sie sich berühren und wo sie brechen, und dass du aufhörst, die Brüche wegzureden, nur weil sie unbequem sind. Der Hunger ähnelt sich, aber die Götter, die Leerheiten, die Gebote und die Kissen ähneln sich nicht, und wer aus vier Wegen eine einzige Soße rührt, hat die Wege eigentlich gelöscht und nennt das dann Weite.

Warum vergleichen, wenn jede Tradition sich selbst genügt?

Weil du ohnehin schon vergleichst. Du liest einen christlichen Satz und hörst ihn mit einem Wort aus dem Sufismus, oder du siehst den Baum der Sefirot und denkst an die Chakren, obwohl das zwei Landkarten sind, die einander nichts schulden. Dieser Vergleich passiert in deinem Kopf, ungefragt, und es ist besser, ihn offen zu machen, damit er nicht länger im Verborgenen mischt.

Vergleichen ist dabei weder ein Wettkampf noch ein Friedensangebot, es ist ein Hinsehen, wo sich der Hunger berührt und wo die Lehre reißt. Dafür brauchst du die Ströme selbst und keine fünfte Religion namens Einheit. Die christliche Mystik ist einer dieser Ströme, mit Kirche, mit Christus und mit einer Vereinigung, die ein Geschenk bleibt, und ohne solche wirklichen Ströme vergleichst du bloß Luft mit Luft.

Was teilen sie, ohne denselben Gott zu meinen?

Sie teilen einen Hunger, der sich nicht besitzen lässt, und das Wissen, dass Bilder sterben müssen, sobald sie die Sache ersetzen. Sie teilen eine Praxis, die nichts herstellen will, das Gebet, den Dhikr, das Sitzen, das Gebot, das Lesen, so lange, bis das Ich aufhört, der Mittelpunkt zu sein. Sie reden in Paradoxen, weil der gerade Satz zu klein ist, und sie misstrauen dem Laden, der Schlüssel verkauft, und das ist schon viel, auch wenn es noch nicht alles ist.

Du spürst die Berührung, wenn ein christlicher Prediger Gott aus den Bildern herausschiebt, während ein Sufi die Namen Gottes wiederholt, bis der Wiederholende ganz dünn wird, und ein Kabbalist vom Endlosen spricht, das keinen Namen trägt, und ein Zen-Mönch einfach sitzt, ohne ein Erlebnis zu bestellen. Die Geste ist ähnlich, alle machen Platz, aber der Platz ist nicht derselbe Raum. In dem einen Raum bleibt ein Du, das dich meint, im anderen fällt die Zweiheit weg, und im dritten hängt die Nähe am Bund mit Gott. Wer das nicht aushält, erfindet sich schnell den einen Gipfel hinter allen Pfaden.

Wo reißt die Linie?

Sie reißt an Gott, an der Form und an dem, was nach der Erfahrung bleibt. Die christliche Mystik betet zu einem Gott, der Person ist, auch wenn die Via Negativa alle Bilder streicht, und Christus ist für sie keine Metapher für Bewusstsein und die Menschwerdung keine Illustration. Wer sie trotzdem zur Illustration macht, hat das Christentum verlassen und etwas Warmes behalten, das sich gut neben Zen legen lässt, aber dieses Warme ist nicht mehr die Tradition.

Die jüdische Mystik reißt an einer anderen Stelle. Sie sucht die Nähe zu Gott in der Tora und im Gebot und nicht daneben, Devekut heißt Anhaften und nicht Austritt aus dem Bund, Ein Sof ist das Endlose, und die Sefirot sind die Weisen, wie es sich zeigt, und kein Sortiment von Kräften, das du dir in den Alltag hängen kannst. Gerade deshalb gehört die jüdische Mystik in diesen Vergleich, denn sie wird am häufigsten in die Soße gerührt, als wäre die Kabbala die geheime Innenseite aller Religionen. Sie ist die Innenseite des Judentums, und wer sie davon löst, hat am Ende Steine und Wünsche in der Hand, während ihm die Tora entkommen ist.

Beim Islam reißt die Linie wieder anders, denn Tawhid, die Einheit Gottes, ist kein Nondualismus aus Indien, der Prophet bleibt das Maß, und die Scharia bleibt die Form, auch wenn der Sufi in der Liebe verbrennt. Fana heißt Vergehen, Baqa heißt Bleiben in Gott, und beides geschieht innerhalb des Bekenntnisses und nicht als Urlaub davon. Rumi, Ibn Arabi und Al-Hallaj sind keine Belege dafür, dass der Islam im Grunde Zen wäre, sie zeigen vielmehr, dass der Islam eine eigene Mystik hat, hart und unverwechselbar.

Der Osten reißt am Ich, aber von der anderen Seite. Advaita sagt, es sei nicht zwei, Zen sagt, du sollst sehen und aufhören zu erklären, und das Tao sagt, du sollst aufhören, dagegen zu sein. Oft gibt es dort keinen Schöpfer, an den du dich wendest, sondern eine Wirklichkeit, die du verwechselst, und diese Verwechslung soll fallen. Das ist nah am christlichen Lass ab und doch nicht dasselbe, weil niemand geboren wurde, um dich zu erlösen, und niemand am Kreuz hängt, wenn die Verwechslung fällt, und darum ist die Nähe echt, während die Gleichung falsch wäre.

Ist Vereinigung dasselbe wie Nicht-Zweiheit?

Nein, und wer hier Ja sagt, hat schon gemischt. Die Unio Mystica meint, dass die Grenze zwischen dir und dem, den du Gott nennst, dünn wird, und oft bleibt dabei ein Gegenüber, sogar im Verschmelzen, als Gabe, als Braut, als Geburt des Wortes in der Seele. Advaita dagegen sagt, es sei nie zwei gewesen, du hast nur ein Seil für eine Schlange gehalten, und die Schlange muss nicht mit dem Seil vermählt werden, weil sie ein Irrtum war.

Fana klingt nach Unio und ist doch in einer anderen Grammatik zu Hause, Devekut klingt nach Nähe und bleibt ans Gebot gebunden, und Satori klingt nach Durchbruch und ist in der Tradition oft eine Lichtung, nach der die Arbeit weitergeht, und keine Hochzeit. Du darfst diese Wörter nebeneinanderhalten, du darfst sie nur nicht übereinanderkleben, denn der Klebstoff ist bloß der Wunsch, die Welt möge einfacher sein, als die Texte es sind.

Deshalb hilft der Vergleich nur, wenn er dich ein bisschen enttäuscht. Du wolltest die eine Mystik hinter den vielen finden, und du bekommst vier Arten von Hunger, die sich grüßen, und vier Lehren, die einander nicht ersetzen.

Bleibt die Form, wenn die Erfahrung kommt?

In den großen Traditionen bleibt sie, oft länger, als es modernen Lesern lieb ist. Eckhart predigt in seinem Orden, Teresa reformiert den Karmel, der Sufi bleibt Muslim, der Chassid tanzt innerhalb des Gesetzes, und der Zen-Mönch sitzt nach dem Plan seines Klosters. Die Erfahrung sprengt die Form also nicht automatisch, manchmal macht sie die Form überhaupt erst sichtbar, weil du merkst, wozu die Regel da war, als das Gefühl ausblieb.

Die Form kann hart sein und trotzdem tragen, und ohne sie wird aus einer Erfahrung schnell ein Privatmythos, dem niemand widersprechen darf. So ein Privatmythos vergleicht gern, weil ein Vergleich ohne Gemeinde nichts kostet, während er in der Gemeinde etwas kostet: Du kannst nicht die Menschwerdung streichen und Christ bleiben, nicht die Tora streichen und Jude bleiben, nicht den Propheten streichen und Sufi bleiben. Du kannst Zen sitzen, ohne Christ zu sein, das ist erlaubt, nur solltest du es dann nicht die geheime Wahrheit des Evangeliums nennen.

In solchen Vergleichen taucht oft auch der Schamanismus als fünfter Gast auf, warm, alt und naturverbunden, aber er ist ein anderes Haus, mit Reisen, Geistern und einer anderen Welt, eine eigene Karte mit eigener Logik. Du darfst sie kennen, du musst sie aber nicht in die Mystik der Schrifttraditionen mischen, als wäre jede Ekstase dieselbe Tür, denn Ekstase ist ein Zustand, und Mystik im Sinn dieser Traditionen ist ein Weg innerhalb einer Lehre, die älter ist als dein Zustand.

Was bleibt dir, wenn du aufhörst zu mischen?

Dir bleibt eine Tradition, der du wirklich begegnest, und ein Respekt vor den anderen, der ohne Diebstahl auskommt. Du kannst christlich lesen und den Sufi achten, ohne ihm die Verse wegzunehmen, du kannst jüdisch lesen, ohne das Zen-Sitzen zur geheimen Kabbala zu erklären, und du kannst östlich sitzen, ohne Christus zur Metapher zu machen. Achtung heißt, dass du den anderen Strom den anderen Strom sein lässt.

Der Vergleich endet dort, wo du anfängst zu gehen. Solange du mischst, bleibst du oben, über allen Wegen, als wäre der Überblick schon Heiligkeit, aber der Überblick ist nur eine Landkarte, und eine Landkarte stillt keinen Hunger. Der Hunger wird still, wenn du einen Weg nimmst und die anderen in Ruhe lässt, ohne sie zu leugnen, und wenn du dabei die Berührung und die Bruchlinie im Blick behältst, weil erst beides zusammen wahr ist.