Bernhard von Clairvaux ist der Zisterzienserabt des zwölften Jahrhunderts, der in seinen Predigten zum Hohelied die Liebe zwischen Gott und Seele so persönlich und warm erzählt hat, dass die christliche Mystik des Abendlandes danach lange in der Sprache der Brautmystik gesprochen hat, ohne dass daraus bei ihm ein bloßes Gefühl oder ein Besitz wurde.

Franciszek Ignacy Molitor, Święty Bernard z Clairvaux (~1761): volle idealisierte Darstellung mit Habit, Heiligenschein und Marienlicht. Kein zeitgenössisches Gesicht; Commons File:Franciszek_Ignacy_Molitor_-_Święty_Bernard_z_Clairvaux.jpg (PD-Art).
Wer war Bernhard von Clairvaux, wenn er mehr ist als ein Heiliger auf dem Kalender?
Er wurde 1090 in Fontaines bei Dijon geboren, in einer burgundischen Adelsfamilie, und trat um 1112 mit einer ganzen Gruppe von Gefährten in das Reformkloster Cîteaux ein. Wenig später, 1115, gründete er Clairvaux, das „helle Tal“, und wurde dort Abt. Von diesem Tal aus wuchs die zisterziensische Bewegung, und Bernhard wurde zu einer der hörbarsten Stimmen seiner Zeit: Prediger, Briefeschreiber, Ordensmann, Berater von Päpsten, und zugleich jemand, der die Nähe Gottes nicht als Theorie, sondern als Liebe beschreiben wollte.
Die Kirche nannte ihn später den doctor mellifluus, den honigfließenden Lehrer, weil seine Sprache süß und eindringlich klingt. Du solltest diesen Beinamen nicht als Werbespruch nehmen. Bernhard konnte hart sein, politisch, streitbar, und er hat sich in Dinge eingemischt, die heute schwer zu tragen sind, etwa in die Predigt für den Zweiten Kreuzzug. Wer ihn nur als sanften Mystiker rahmt, hat ihn schon verfälscht. Wer ihn nur als Machtmenschen rahmt, hat die Predigten zum Hohelied nicht gelesen. Beides gehört zu demselben Mann, und die Mystik-Seite dieser Site nimmt ihn ernst, ohne ihn zu waschen.
Er starb 1153 in Clairvaux. Heiliggesprochen wurde er bald danach, und 1830 erhob ihn die Kirche zum Kirchenlehrer. Das ist der Rahmen. Der Text, der dich hier trifft, sitzt woanders: in der Weise, wie er von der Liebe Gottes spricht.

Kupferstich „S. Bernardvs“ (Wierix nach/bei Philips Galle, ca. 1563–vor 1610, Rijksmuseum RP-P-1907-3890): Idealporträt aus der Serie der Ordensgründer, digital koloriert. Kein zeitgenössisches Gesicht; Commons-Vorlage CC0.
Was meint er mit Brautmystik, wenn das kein erotischer Roman über Gott ist?
Bernhard hat Dutzende Predigten zum Hohelied gehalten, dem alttestamentlichen Liebeslied, das von Kuss, Sehnsucht, Suche und Finden spricht. Für ihn ist dieses Lied ein Bild für die Beziehung zwischen Christus und der Seele, und er liest es nicht als kalte Allegorie, die man abhakt, sondern als Bewegung, die du in dir wiedererkennst. Die Seele sucht, verliert, findet, klagt, jubelt, und Gott kommt ihr entgegen, nicht als Begriff, sondern als Geliebter.
Das klingt intim, und es ist intim, und genau deshalb warnt Bernhard davor, daraus eine Besitzgier zu machen. Die Brautmystik meint bei ihm keine private Schwärmerei und kein warmes Innenleben, das man gegen die Kirche und gegen den Alltag ausspielt. Sie meint eine Liebe, die den Willen formt. Du willst Gott nicht haben wie ein Gut. Du willst ihm gehören, und dieses Gehören kostet dich den Stolz, mit dem du vorher die Mitte warst.
Wenn du später bei Mechthild von Magdeburg die Minne hörst oder bei Teresa die mystische Vermählung, stehst du in einem Strom, den Bernhard im lateinischen Westen mit besonderer Kraft angeschoben hat. Die Bilder wandern, die Jahrhunderte ändern den Ton, und doch bleibt die Grundgeste verwandt: Gott und Seele begegnen sich in der Sprache der Liebe, weil kalte Definitionen nicht reichen.
Was lehrt De diligendo Deo, das Buch über die Liebe zu Gott?
Neben den Hohelied-Predigten steht De diligendo Deo, „Über die Liebe zu Gott“, eine kleine Schrift, die fragt, warum und wie der Mensch Gott lieben soll. Bernhard unterscheidet Weisen der Liebe, die von der Selbstliebe ausgehen und sich allmählich öffnen, bis die Liebe zu Gott nicht mehr Berechnung ist. Du liebst zuerst, weil es dir nutzt, dann liebst du Gott um seiner selbst willen, und irgendwann, so hofft er, liebst du auch dich selbst und den Nächsten in Gott, ohne den alten Handel im Hintergrund.
Ein Bild aus diesem Umkreis ist oft wiederholt worden: die Vereinigung gleicht einem Tropfen Wasser, der in Wein fällt und Farbe und Geschmack annimmt, ohne aufzuhören zu existieren. Bernhard meint damit keine Auflösung der Person in Gott, als verschwände der Mensch. Er meint eine Durchdringung, in der der Wille des Menschen dem Willen Gottes so nahekommt, dass du kaum noch zwei Richtungen auseinanderhalten kannst, und doch bleibt der Mensch Geschöpf. Das ist Brautmystik mit Rückgrat: Nähe ohne Verschluckung, Liebe ohne Besitz.
Du brauchst die Stufen nicht als Leiter, die du abhakst. Bernhard denkt seelsorgerlich. Er kennt die Seele, die Gott um des Trostes willen sucht, und er kennt die Seele, die Gott sucht, auch wenn der Trost ausbleibt. Genau dort wird seine Mystik praktisch, weil sie dich nicht mit einem Erfolgserlebnis füttert, sondern mit einer Richtung.
Wie steht er neben Hildegard und der späteren rheinischen Mystik?
Bernhard und Hildegard von Bingen gehören beide ins zwölfte Jahrhundert, und doch klingen sie verschieden. Hildegard sieht kosmisch, spricht von Vision und Grünkraft, und baut eine große Schau. Bernhard predigt die Liebe, die Seele und den Kuss des Hohelieds, und er denkt vom Kloster und von der Seelsorge her. Beide gehören zur christlichen Mystik, und keines darf das andere ersetzen.
Zur rheinischen Mystik des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts steht Bernhard als Vorläufer der Braut- und Minnesperache, nicht als ihr Zwilling. Eckhart wird spekulativer und schärfer im Abbruch der Bilder. Tauler wird seelsorgerlicher Prediger des inneren Grundes. Mechthild schreibt auf Deutsch und lässt Gott und Seele miteinander reden wie Liebende. Bernhard hat dafür den lateinischen Ton gesetzt: Die Liebe ist der Weg, und das Wissen allein trägt dich nicht bis dorthin, wo die Seele Gott berührt.
Zugleich bleibt er Mönch der Zisterzienser. Arbeit, Liturgie, Gemeinschaft und Gehorsam sind bei ihm kein Gegenteil der Mystik, sondern ihr Boden. Wer Bernhard nur als lyrischen Liebhaber Gottes liest und den Abt vergisst, hat die Hälfte der Stimme weggeschnitten.
Was kannst du mit Bernhard anfangen, ohne ihn zu besitzen?
Lies eine Hohelied-Predigt langsam, nicht um schöne Sätze zu sammeln, sondern um zu merken, wo du Gott noch wie einen Nutzen behandelst. Wenn Bernhard von der Braut spricht, frag dich, ob du Nähe willst oder Besitz. Du musst kein Zisterzienser werden und kein Kreuzzugsprediger. Es reicht, wenn du einen Tag lang merkst, dass Liebe bei ihm eine Arbeit am Willen ist und kein Stimmungsbild für den Abend.
Bernhard verspricht dir keine Erleuchtung als Produkt und keine Immunität gegen den Alltag. Er gibt dir eine Richtung: Gott lieben, nicht weil er dich belohnt, sondern weil er Gott ist, und den Nächsten nicht vergessen, während du das tust. Wenn du das hörst und danach wieder an deinen Tisch gehst, hast du mehr verstanden als jemand, der aus dem doctor mellifluus nur Honig herausschneidet und die Schärfe wegwirft. Bei ihm bleibt die Brautmystik eine Einladung, und Einladungen hält man nicht fest, man folgt ihnen, indem man aufhört, sich selbst als Preis der Liebe zu führen.