Wege der Mystik

Mystische Erfahrungen

Mystische Erfahrungen sind benannte Zustände, keine Trophäen. Einheit, Trockenheit, Gottesnähe, die Dunkle Nacht: sie kommen, und du hältst sie nicht fest.

Nächtlicher Sternenhimmel
Sternenhimmel als Bild für innere Weite und Nacht.

Mystische Erfahrungen haben Namen, Einheit, Trockenheit, Gottesnähe, die Dunkle Nacht, und gerade diese Namen verführen dich dazu, sie zu sammeln wie Steine am Weg. Du hörst die Wörter und willst zuerst das Gefühl haben, das dazugehört, damit du etwas hast, das du erzählen kannst und das dann dir gehört, und genau dort fängt der Irrtum an. Eine Erfahrung kommt, und sie geht wieder, und was bleibt, wenn sie gegangen ist, ist keine Trophäe, sondern die Frage, ob du noch da bist, wenn nichts Besonderes mehr passiert.

Was zählt überhaupt als mystische Erfahrung?

Ein Beweis ist sie jedenfalls nicht, die Traditionen haben bestimmte Zustände erkannt und benannt, Momente, in denen das gewohnte Ich dünn wird oder in denen etwas von Gott, von der Wirklichkeit, ganz nah rückt, und hinterher brauchst du ein Wort dafür, weil es dich sonst auffrisst. Dieses Wort ist eine Landkarte, und die Landkarte ist nicht der Weg. Eine Erfahrung hat einen Anfang und meistens auch ein Ende, und gerade deshalb ist sie eine Erfahrung und kein Besitz.

Viele wollen, dass ihre Erfahrung als Beweis taugt, für Gott, für den Weg, für sich selbst als jemanden, der angekommen ist. Aber eine Mystik, die ein Souvenir braucht, ist schon ein Laden. Die alten Lehrer waren misstrauisch gegenüber jedem Feuerwerk, nicht weil nichts geschieht, sondern weil das, was geschieht, nicht dir gehört. Du kannst eine starke Stunde erleben und danach unverändert bleiben, und du kannst ein trockenes Jahr haben und an der Wurzel bewegt werden, und daran siehst du, wie schlecht die Lautstärke als Zeuge taugt.

Darum hilft das Sammeln nicht, du hängst dir Zustände an die Wand und wunderst dich, dass die Wand kalt bleibt. Die benannten Erfahrungen sind zur Orientierung da, sie sagen dir, dass du nicht der Erste bist, der so etwas nicht festhalten kann, und mehr braucht es nicht.

Wie kommt Einheit, und wie geht sie wieder?

Die Wand zwischen dir und allem anderen war eine Gewohnheit, und für einen Augenblick fällt diese Gewohnheit weg. Unio, Kensho, Fana sind verschiedene Namen für einen Schrecken, der auch Glück sein kann, für die Einsicht, dass du nie so getrennt warst, wie du dachtest. Dann kommt die Einkaufsliste zurück, und du bist wieder getrennt, und das ist kein Scheitern, sondern einfach das, was eine Erfahrung tut, sie kommt und sie geht.

Stell dir jemanden vor, der auf einem Berg steht und weint, weil es plötzlich kein Innen und kein Außen mehr gibt. Drei Tage später will er den Berg zurückhaben und bucht die nächste Reise, und damit hat er angefangen zu sammeln. Eine Einheit, die du besitzen willst, ist schon wieder zwei, du und deine Erinnerung an die Einheit, und diese Erinnerung ist süß, aber die Süße ist nicht die Einheit, sie ist Hunger.

Du musst daraus auch keine Leiter bauen, denn Einheit ist kein Grad, den du dir verdienst, und kein Titel, den du nach außen trägst. Wenn sie da ist, brauchst du niemanden, dem du sie erklärst, und wenn sie weg ist, erklärt das Erklären sowieso nichts. Bleib bei dem, was bleibt, beim Atmen, beim Gehen, beim nächsten ehrlichen Satz, denn eine Einheit, die nur auf dem Gipfel gilt, war eher ein Ausflug.

Was ist Trockenheit, wenn das Gebet hölzern wird?

Irgendwann ist die schöne Postkarte weg, das Gebet fühlt sich an wie Pappe, das Sitzen wie ein Möbelstück, und Gott ist ein Wort, das früher einmal funktioniert hat. Die Traditionen kennen diese Trockenheit gut, sie ist nicht jedes Mal die Dunkle Nacht, und sie ist keine Diagnose, eher der Geschmack des Weitermachens, wenn es keinen Geschmack mehr gibt.

Vielleicht dachtest du, du wärst gescheitert, und dabei hast du vielleicht nur den Zucker verloren. Tröstung kann wie ein Süßstoff wirken, und wenn der Süßstoff weg ist, siehst du, was du eigentlich getan hast, nämlich Zucker getrunken und es Gott genannt. Die Trockenheit ist unfreundlich und ehrlich, sie nimmt dir die Show und lässt dir die Wiederholung, und das reicht, auch wenn es sich anfühlt, als reiche es nicht, und genau in dieser Lücke bleibst du, oder du gehst nach Hause und nennst die Mystik eine Phase.

Eine Schwere, die nicht weicht und dich zerlegt, braucht keine geistliche Deutung, sondern Menschen, deren Beruf es ist, dir dabei zu helfen. Trockenheit als geistliches Wort meint etwas Engeres, ein Gebet ohne Trost, ein Sitzen ohne Lohn, bei dem du trotzdem nicht aufhörst. Das ist unbequem, aber unbequem ist nicht dasselbe wie krank, und wer das verwechselt, schadet beiden.

Was meinst du, wenn du Gottesnähe sagst?

Vielleicht meinst du Wärme, das Gefühl, gesehen zu werden, eine Gegenwart, die du nicht selbst veranstaltet hast. Diese Nähe kommt zu Besuch, und wenn du dich an den Besuch klammerst, wird er zur Droge, und du fängst an, ihn zu inszenieren. Eine Nähe, die du einschalten kannst, war in Wahrheit deine Nähe zu deiner Idee von Gott und nicht zu Gott.

Manche weinen und wissen nicht warum, manche werden still, und die Stille ist voll, und manche spüren nur, dass der innere Kampf nachlässt, ohne Licht, ohne Stimme, ohne Drama, und auch das kann Nähe sein. Das Drama ist oft unser eigener Beitrag, denn die Gottesnähe braucht dein Theater nicht, sie braucht eher, dass du aufhörst, die Bühne zu beleuchten.

Wenn die Nähe da ist, musst du sie nicht festhalten, denn das Festhalten ist schon der Abschied. Wenn sie weg ist, musst du sie nicht suchen wie einen verlorenen Schlüssel, weil das Suchen aus der Nähe ein Ding macht, und ein Ding kannst du verlieren. Eine Gegenwart verlierst du so nicht, du vergisst sie, und dieses Vergessen ist eine Übung im Erinnern und kein Beweis dafür, dass nichts wahr war.

Was ist die Dunkle Nacht, und was ist sie nicht?

Johannes vom Kreuz hat dieser Nacht ihren Namen gegeben, und nicht jedes schwere Jahr ist diese Nacht, und nicht jede Krise will diesen Titel tragen. Die Nacht ist ein bestimmter Durchgang auf einem Weg, beschrieben von einem Karmeliten, und kein Beweis dafür, dass du besonders tief bist. Wer jedes Tief eine Dunkle Nacht nennt, hat das Wort verbraucht, bevor es ihn überhaupt erreichen konnte.

Was Johannes meint und was sie nicht ist, findest du ausführlich bei der Dunklen Nacht der Seele. Ein Satz daraus als Abzeichen reicht nicht, der ist schon Tourismus, denn die Nacht ist eine Arbeit, die dir die Bilder nimmt, und kein Etikett, das du dir umhängst, weil es ernst klingt.

Johannes schreibt als Mystiker, nicht als Arzt und nicht als Coach, und wenn du das ernst nimmst, bleibt die Nacht groß, während sie klein und laut wird, sobald du ein Produkt daraus machst.

Warum wird Erfahrung ohne Praxis zum Tourismus?

Weil du dann anfängst, Gipfel zu sammeln, Workshops, Geschichten, den nächsten Rausch, und die Mystik wird zu einem Reisebericht aus Zuständen. Du warst da, du hast das gefühlt, du hast den Satz dazu. Eine Erfahrung ohne Übung ist wie Wetter, und das Wetter ist wirklich, aber aus Wetter baust du kein Haus.

Praxis ist das, was du tust, wenn der Zustand gegangen ist und die Küche immer noch die Küche ist. Deshalb gehören zu den Erfahrungen die mystischen Praktiken, das Sitzen, das Lesen, das Erinnern, das Schweigen, und zwar nicht als Nachspiel, sondern als der Weg selbst. Ohne sie bleibst du ein Sammler, der viele Gipfel kennt und keinen Alltag, und dabei ist der Alltag der einzige Ort, an dem sich zeigt, ob etwas wahr war.

Der Tourismus hat Souvenirs, die Mystik hat Wiederholung. Du kannst eine Stunde der Einheit erlebt haben und trotzdem ungeduldig bleiben, hart im Gespräch und flüchtig im Gebet, und dann war die Stunde schön, aber sie hat dich nicht verwandelt. Schönheit ohne Treue ist wie Urlaub, und Urlaub darf sein, du solltest ihn nur nicht mit dem Ankommen verwechseln.

Kannst du so eine Erfahrung behalten?

Nein, und das ist die letzte Runde um denselben Gedanken. Du hältst eine Erfahrung nicht fest, du kehrst um, denn die Erfahrung war eine Tür, und in einer Tür wohnt man nicht. Die benannten Zustände sind Wörter, damit du dich unterwegs nicht verirrst, aber sie ersetzen dir das Gehen nicht.

Die Einheit kommt und geht, die Trockenheit kommt und geht, die Gottesnähe kommt und geht, und die Nacht nimmt dir, wenn sie dich wirklich meint, sogar das Gefühl, überhaupt auf einem Weg zu sein. Danach sitzt du wieder da, ohne Beweis, und das ist kein Abstieg, sondern genau die Stelle, an der die Mystik aufhört, bloß interessant zu sein, und anfängt, wahr zu werden, und dieses Wahre zeigt sich nicht im Erzählen, sondern in dem, was du am nächsten Morgen tust.