Wege der Mystik

Jüdische Mystik / Kabbala

Jüdische Mystik sucht Gott in der Tora und im Gebet, nicht im Esoterikladen und nicht im Geheimbund.

Sefer Torah
Torarolle aus der jüdischen Tradition.

Jüdische Mystik sucht Gott in der Tora und im Gebet, und nicht im Esoterikladen oder in einem Geheimbund. Das Wort Kabbala heißt Empfangen, und gemeint ist eine Lehre, die man von Lehrer zu Schüler weitergibt, kein Sortiment aus Steinen, Bändern und Wünschen. Wenn du Mystik als innere Gotteserfahrung verstehst, dann hast du den Maßstab, mit dem du diesen Strom lesen kannst, denn es geht um Nähe zu Gott mitten im Judentum und nicht um eine zweite Religion, die daneben steht.

Was ist jüdische Mystik nicht?

Vor der Tür stehen zwei Missverständnisse, und beide sind laut. Das erste macht aus der Kabbala ein Warenangebot, das zweite macht aus ihr eine Verschwörung, und beide verfehlen die Sache so gründlich, dass du danach nicht mehr hörst, was in den Texten steht.

Jüdische Mystik wächst aus Schrift, Gebot und Gebet. Sie braucht keine Kristalle, sie lenkt nicht im Verborgenen die Weltgeschichte, und sie ist auch kein Markenzeichen für Prominente mit rotem Bändchen. Wenn du sie ernst nimmst, dann liest du jüdische Texte, du achtest die jüdische Praxis und du verwechselst sie nicht mit Magie, die als Trick funktionieren soll.

Die Kabbala ist ein Teil der jüdischen Religionsgeschichte, mit Schulen, Büchern und Streit, mit strenger Askese und mit einer Frömmigkeit, die im Alltag lebt. Eine Weltformel hinter der Tora, die man kaufen könnte, hat sie nicht, und wer dir so etwas anbietet, der verkauft dir etwas anderes als Kabbala.

Wo fängt jüdische Mystik an?

Die älteste Schicht, die man mit dem Wort Mystik treffen kann, ist die Thronmystik. Merkava heißt wörtlich Wagen und meint den Thronwagen aus dem ersten Kapitel des Buches Ezechiel, und Hekhalot sind die himmlischen Paläste. Seit der Spätantike beschreiben diese Texte, wie die Seele aufsteigt, wie der Mystiker Engeln begegnet, Prüfungen besteht und Hymnen singt, bis er am Thron die Herrlichkeit Gottes schaut. Das ist Ekstase und Liturgie zugleich, noch ohne den späteren Baum der Sefirot.

Die Schriften bleiben oft ohne Verfasser und hängen sich an rabbinische Namen wie Rabbi Akiva und Rabbi Jischmael. Zur Praxis gehören Fasten, Reinheit und das Singen heiliger Namen. Gershom Scholem hat diese Literatur als erste große Epoche der jüdischen Mystik beschrieben, denn vor ihm galt vieles davon als Kuriosum am Rand der Halacha, des jüdischen Religionsgesetzes, und er hat sie in die Mitte der Religionsgeschichte zurückgeholt, ohne ein Geheimrezept daraus zu machen.

Was steht im Sefer Jezira?

Zwischen der Thronmystik und der Kabbala des Mittelalters steht ein kurzes Buch, das Sefer Jezira, das Buch der Schöpfung, das die Forschung irgendwo zwischen Spätantike und frühem Mittelalter ansetzt. Gott schafft hier die Welt mit Zahlen und mit den zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets. Die zehn Sefirot tauchen zum ersten Mal auf, aber noch als Zahlen und Dimensionen und nicht als die göttlichen Kräfte, zu denen sie später werden. Das Buch ist knapp und fast technisch, und doch haben spätere Kabbalisten es immer neu gelesen, weil es ihnen eine Sprache gab, noch bevor diese Sprache ganz da war.

Wann wird daraus Kabbala?

Was man heute Kabbala nennt, bildet sich im 12. und 13. Jahrhundert heraus, zuerst in der Provence und dann in Katalonien und Kastilien. In der Provence kursiert das Sefer ha-Bahir, das Buch der Helle, das die Tora symbolisch deutet und von zehn Kräften in Gott spricht. In Gerona entsteht eine eigene Schule, als deren früher Lehrer Isaak der Blinde gilt. Auch Nachmanides kennt diese Welt, hält sich nach außen aber oft zurück, weil Mystik für ihn eine Lehre ist, die man hütet, und keine Bühne.

Daneben gab es im mittelalterlichen Deutschland die Frommen von Aschkenas, die Chasside Aschkenas, die zur Vorgeschichte gehören, auch wenn sie mit der spanischen Kabbala nicht dasselbe sind. In Kastilien wird die Lehre dann dichter und kühner. Abraham Abulafia geht dort einen eigenen Weg, er kombiniert Buchstaben und Gottesnamen und sucht eine ekstatische Erkenntnis, nicht bloß ein Bild vom Aufbau der Welt. Sein Name gehört in diese Geschichte, als Erinnerung daran, dass die Kabbala mehr ist als ein Diagramm.

Was ist der Sohar wirklich?

Der Sohar, das Buch des Glanzes, ist das Hauptwerk der mittelalterlichen Kabbala, und er kommt im späten 13. Jahrhundert in Kastilien in Umlauf. Die Überlieferung schreibt ihn Rabbi Schimon bar Jochai zu, einem Lehrer des 2. Jahrhunderts, während die historische Forschung den Hauptbestand ins christliche Spanien jener Jahre setzt, oft in den Umkreis von Mosche de León. Scholem hat diesen Befund für die Wissenschaft begründet, und später wurde diskutiert, ob ein Autor oder ein Kreis schrieb. Für dich als Leser genügt es zu wissen, dass der Sohar ein mittelalterliches und jüdisches Buch ist und kein Zauberbuch aus der Urzeit.

Der Sohar liest die Tora wie ein inneres Drama, in dem es um Licht und Verhüllung geht, um das Männliche und das Weibliche in Gott, um die Verbannung und die Rückkehr der Schechina, also der Gegenwart Gottes, die in der Welt wohnt. Er ist Midrasch, also Auslegung, und zugleich Mythos, aber er ist weder ein Handbuch für Anfänger noch ein Orakel für den Abend, und wer ihn aufschlägt, damit sich Wünsche erfüllen, hat das Buch schon verlassen.

Was heißen Ein Sof, Sefirot und Devekut?

Drei Wörter tragen fast die ganze spätere Sprache der Kabbala, und wenn du sie verstanden hast, ersparen sie dir viel Verwirrung.

Ein Sof heißt wörtlich ohne Ende und meint Gott jenseits aller Namen und Bilder. Das Unendliche lässt sich nicht beschreiben, und alles, was wir Gott nennen, ist schon eine Offenbarung und nicht das Unendliche selbst, du kannst davon sprechen und es trotzdem nie fassen.

Die Sefirot sind die zehn Stufen oder Kräfte, in denen sich das Unendliche zeigt, und sie sind keine Götter, sondern Weisen, wie der eine Gott erscheint. Klassisch reichen sie von Keter, der Krone, bis zu Malkhut, dem Königtum, das oft mit der Schechina verbunden wird. Wenn man die Sefirot als Baum zeichnet, werden sie zu einer Landkarte, doch diese Landkarte bleibt ein Bild und ist nicht Gott, und wer den Baum anbetet, hat das Bild mit dem verwechselt, worauf es zeigt.

Devekut heißt Anhaften und meint die bewusste Nähe zu Gott. Im Mittelalter ist sie oft das Ziel von Gebet und Gebot, später im Chassidismus wird sie zu einer Haltung für den Alltag, und in beiden Fällen ist sie kein technischer Trick, sondern eine Bindung. Wer diese drei Begriffe festhält, kann alles Weitere als Variation lesen, denn neue Schulen verschieben die Gewichte, aber die Grundworte erfinden sie selten neu.

Was ändert Isaak Luria?

Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 sammelt sich die Kabbala neu, und der Ort, an dem das geschieht, ist Safed in Galiläa. Isaak Luria (1534–1572) lehrt dort nur wenige Jahre, und seine Schüler schreiben auf, was er mündlich weitergegeben hat. Seine Lehre prägen drei Bilder: Im Zimzum zieht Gott sich zusammen, damit die Welt überhaupt Raum hat, in der Schevirat ha-Kelim zerbrechen die Gefäße der Schöpfung, und im Tikkun sollen die Funken des heiligen Lichts wieder gehoben werden, und daran arbeitet der Mensch mit, durch Gebet, durch Gebot und durch die Absicht, mit der er beides tut.

Das muss knapp bleiben, sonst wird aus dem Mythos eine Anleitung zum Wünschen. Luria denkt Verbannung und Heilung als Mythos der Schöpfung selbst. Zur gleichen Zeit lehrte Mosche Cordovero in Safed eine ruhigere Systematik, aber Lurias Bilder wurden die wirkmächtigeren, weil sie die Katastrophe der Vertreibung in die Schöpfung hineinholten, nicht als Trostpflaster, sondern als Deutung.

Wie kommt die Mystik in den Alltag?

Im 18. Jahrhundert wird diese Mystik volkstümlich, als in Podolien und Wolhynien der Chassidismus entsteht. Am Anfang steht Israel ben Elieser, genannt Baal Schem Tov, der ungefähr von 1700 bis 1760 lebte. Seine Lehre holt die Kabbala aus der Gelehrtenstube heraus, mit Freude, Gebet und Erzählung, denn die Devekut soll nicht nur dem Gelehrten gehören, sondern auch der einfache Mensch soll Gott anhängen können, am Tisch, im Psalm und im Tanz.

Später spaltet sich die Bewegung, und es bleiben Höfe, Rebbes und Geschichten. Martin Buber hat diese Geschichten literarisch erzählt, und Scholem hat Bubers Bild als zu literarisch kritisiert, und beide haben auf ihre Weise recht, denn der Chassidismus ist gelebte Mystik und zugleich eine soziale und rechtliche Geschichte. So wird die Linie lesbar, vom Aufstieg zum Thron in der Merkava über die Sefirot von Kabbala und Sohar bis zur Nähe zu Gott im Alltag des Chassidismus.

Warum wird Kabbala ständig vermischt?

Die Kabbala wird gern mit allem gekreuzt, was geheim klingt, mit Alchemie, Tarot, Yoga und dem Sortiment esoterischer Läden. Manche Bilder wandern tatsächlich, und Gelehrte der Renaissance haben hebräische Texte gelesen, aber das rechtfertigt noch keine Vermischung, weil die jüdische Mystik an Tora, Gebot und Gemeinde gebunden bleibt, und wer sie mit jedem anderen Pfad gleichsetzt, löscht genau das aus. Deshalb gehört sie in den Vergleich der Traditionen, wo man zuerst unterscheidet und erst dann die Ähnlichkeiten sieht.

Wenn du bei einem Namen anfangen willst, dann nimm Scholem und nicht den Werbespruch. Sein Buch Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen ordnet die Epochen, und Zur Kabbala und ihrer Symbolik erklärt, wie die Bilder arbeiten. Zitate aus dem Gedächtnis helfen dir hier wenig, die Bücher schon, und wenn du im Judentum stehst, hilft dir das Gebet, ohne das der Baum der Sefirot ein Plakat an der Wand bleibt.

Themen in dieser Tradition

Hier sind die verdickten Unterseiten dieses Stroms. Wähl ein Thema und bleib bei ihm.