Wege der Mystik

Jan van Ruusbroec — Die geistliche Hochzeit

Mittelalterliche Miniatur: Jan van Ruusbroec schreibt unter einem Baum, Taube und Schreiber
Miniatur um 1380 (Brüssel KBR 19.295–97, fol. 2v): Ruusbroec schreibt unter dem Baum, inspiriert vom Heiligen Geist; ein Schreiber kopiert. Idealisierte Darstellung, kein lebensnahes Porträt. Commons File:Ruusbroec_miniatuur.jpg (PD-Art).

Jan van Ruusbroec ist der Brabanter Mystiker, der im vierzehnten Jahrhundert in Groenendaal bei Brüssel die Geistliche Hochzeit und andere Werke schrieb, in denen Einheit mit Gott und ein gemeinsames, tätiges Leben nicht auseinanderfallen, und der damit eine der klarsten Stimmen der christlichen Mystik im niederländischen Raum geworden ist.

Historischer Kupferstich von Antony van der Does: Jan van Ruusbroec (Ioannes Rusbrochius) mit Feder und Schreibtafel unter einem Lichtstrahl, digital koloriert

Kupferstich Antony van der Does, 17. Jh. (erschienen bei Martinus van den Enden): „V. P. Ioannes Rusbrochius“ — Idealporträt, digital koloriert. Kein zeitgenössisches Gesicht; Commons File:Antony_van_der_Does_-_The_Mystic_Jan_van_Ruysbroek.jpg (Public domain).

Wer war Jan van Ruusbroec, wenn er kein weltfremder Visionär ist?

Er wurde 1293 in Ruisbroek bei Brüssel geboren und wurde Priester. Lange wirkte er in Brüssel, bis er mit Gefährten in den Wald von Soignes zog und in Groenendaal eine Gemeinschaft gründete, die später den Augustinerchorherren zugeordnet wurde. Dort hat er gelebt, geschrieben, gelehrt, und 1381 ist er dort gestorben. Die Nachwelt nannte ihn den doctor ecstaticus, den verzückten Lehrer, und doch klingt er in seinen Texten oft nüchterner, als dieser Beiname vermuten lässt.

Ruusbroec schreibt auf Mittelniederländisch, in einer Sprache, die du als deutschsprachiger Leser manchmal wie eine Nachbarschaft hörst: nah genug, um den Atem zu spüren, fremd genug, um nicht zu glauben, du besäßest ihn schon. Er war kein Dominikaner wie Eckhart und kein reisender Prediger wie Tauler. Er war Seelsorger und Klostergründer, und seine Mystik wächst aus dem Alltag einer Gemeinschaft, die betet, arbeitet und miteinander aushält. Wer ihn nur als Spekulation liest, verpasst den Mann, der unter Bäumen schrieb und zugleich wusste, dass Einheit ohne Liebe zum Nächsten leer bleibt.

Vieles an seinem äußeren Leben ist gut bezeugt, und trotzdem solltest du keine Legende daraus machen. Es gibt die berühmte Miniatur, in der er unter einem Baum schreibt und ein Schreiber kopiert, und es gibt Berichte über seine Klarheit und seine Strenge gegen falsche Freiheit. Du brauchst die Bilder nicht als Beweise. Du brauchst die Texte, und die Texte sind klar genug.

Was meint die geistliche Hochzeit?

Die geistliche Hochzeit (Die chierheit der gheesteliker brulocht) ist sein bekanntestes Werk, ein Kommentar zu dem Evangelienwort „Sehet, der Bräutigam kommt, geht aus, ihm entgegen.“ Ruusbroec entfaltet daraus einen Weg der Seele zu Gott, der nicht in einer privaten Ekstase endet. Er unterscheidet Weisen der Begegnung: ein tätiges Leben, ein inneres Leben, ein gottförmiges oder kontemplatives Leben, und er lässt sie nicht als Stufenleiter stehen, auf der du die unteren Sprossen wegwirfst. Wer nur kontempliert und den Nächsten vergisst, hat bei ihm schon verloren.

Die Hochzeit meint bei ihm Nähe, Vermählung, Einheit, und zugleich bleibt Gott Gott und der Mensch Mensch. Ruusbroec kennt die Sprache der Minne und der Brautmystik, und er kennt die Gefahr, daraus ein Gefühl zu machen, das man besitzt. Einheit heißt bei ihm nicht, dass du dich in Gott auflöst wie Zucker im Tee. Sie heißt, dass du in der Liebe so durchlässig wirst, dass Gott in dir wirken kann, ohne dass dein Ich den Laden weiterführt. Das klingt nach Eckhart, und es ist verwandt, und doch bleibt Ruusbroec näher an der seelsorgerlichen Klarheit: Er erklärt, warnt, ordnet, und er lässt dich selten mit einem dunklen Satz allein.

Neben der Geistlichen Hochzeit stehen Werke wie der Spiegel der ewigen Seligkeit, das Buch von den sieben Stufen und Schriften gegen eine Freiheit, die sich selbst erlaubt, was sie will, und das dann Mystik nennt. Ruusbroec hat die „freien Geister“ seiner Zeit gekannt und ihnen widersprochen. Für ihn ist wahre Freiheit gebunden an Demut, an Tugend und an die Liebe, die sich nicht über Gesetz und Kirche stellt, als wäre sie schon fertig. Das macht ihn unbequem für jede Spiritualität, die nur Befreiung ohne Gestalt will.

Was ist das gemeinsame Leben bei ihm?

Das ghemeyne leven, das gemeinsame oder allgemeine Leben, ist einer seiner Schlüsselgedanken. Gemeint ist nicht nur das Zusammenwohnen im Kloster, sondern eine Haltung: Du lebst in Gott und zugleich nach außen, in der Liebe zu den Menschen, ohne die Kontemplation gegen die Arbeit auszuspielen. Wer nur innen glüht und außen kalt bleibt, hat die Hochzeit verfehlt. Wer nur außen dient und innen leer bleibt, auch.

Das ist der Punkt, an dem Ruusbroec für viele Leser heute überraschend modern klingt, ohne modern zu sein. Er kennt den Drang, Spiritualität als privaten Rückzug zu betreiben, und er kennt den anderen Drang, Frömmigkeit als Leistungsschau zu betreiben. Dazwischen steht bei ihm ein Leben, das empfängt und gibt, schweigt und handelt, Gott sucht und den Nächsten nicht vergisst. Wenn du das ernst nimmst, wird aus Mystik kein Hobby und kein Ausstieg, sondern eine Weise, mitten im Tag durchlässig zu bleiben.

Wie steht er neben Eckhart und Tauler?

Mit Meister Eckhart teilt er die Frage nach der Einheit und dem Abnehmen des besitzenden Ichs. Eckhart spricht vom Seelengrund und der Gottesgeburt; Ruusbroec von der geistlichen Hochzeit und dem gottförmigen Leben. Eckhart ist spekulativer und schärfer im Abbruch der Bilder; Ruusbroec ist oft ausführlicher, seelsorgerlicher, und er betont stärker, dass Kontemplation und tätige Liebe zusammengehören. Beide wurden gelesen, geliebt, verdächtigt. Beide lassen dich nicht mit einem fertigen Besitz zurück.

Mit Johannes Tauler teilt er die Nähe zur Gemeinde und die Nüchternheit gegen eine Mystik, die sich berauscht. Tauler predigt den inneren Grund in Straßburg und Basel; Ruusbroec schreibt in Groenendaal und denkt die Einheit als gemeinsames Leben. Die rheinische und die brabantische Mystik des vierzehnten Jahrhunderts berühren sich, ohne identisch zu sein, und wer den Strom der christlichen Mystik verstehen will, braucht beide Temperaturen: die Predigt und die Hochzeit, den Grund und das gemeinsame Leben.

Was kannst du mit Ruusbroec anfangen, ohne ihn zu besitzen?

Lies ein Stück der Geistlichen Hochzeit langsam, nicht um Stufen abzuhaken, sondern um zu merken, wo du Kontemplation und Alltag noch gegeneinander ausspielst. Wenn Ruusbroec vom gemeinsamen Leben spricht, frag dich, was in dir gerade nur innen oder nur außen will. Du musst keinen Wald bei Brüssel aufsuchen. Es reicht, wenn du einen Tag lang merkst, dass Empfangen und Geben bei ihm nicht zwei Abteilungen sind.

Ruusbroec verspricht dir keine Erleuchtung als Produkt und keine Immunität gegen den Alltag. Er gibt dir eine Richtung: Gott sucht dich nicht nur in der Stille und nicht nur in der Arbeit, sondern in einem Leben, das beides nicht verrät. Wenn du das hörst und danach wieder abwäschst oder zur Arbeit gehst, hast du mehr verstanden als jemand, der aus seinen Bildern eine Sammlung schöner Zitate macht. Bei ihm bleibt die Hochzeit eine Einladung, durchlässig zu werden, und Durchlässigkeit hält man nicht fest, man übt sie, indem man aufhört, sich selbst als Mittelpunkt zu führen.