Wenn hier von östlicher Mystik die Rede ist, dann sind Advaita, Zen und das Tao gemeint, drei Wege innerer Erfahrung, und nicht der Laden mit den Klangschalen. Das Wort selbst ist ein deutscher Sammelbegriff, denn in Indien, China und Japan hat jahrhundertelang niemand von östlicher Mystik gesprochen. Du hörst also drei Ströme, die im deutschsprachigen Raum gern in einen Topf geworfen werden, und dieser Topf ist bequem, aber er stimmt nicht.
Was meint das Wort überhaupt?
Im deutschsprachigen Raum begegnet dir der Osten meistens als Angebot, als Yoga im Studio, als Achtsamkeit in der App, als ein Buch über Zen, das nach Innenarchitektur riecht, oder als Kurs, der Nicht-Zweiheit verspricht und eine Mitgliedschaft verkauft. Dagegen hilft nur ein grober und nüchterner Blick. Die großen Wörter wie Advaita, Zazen und Tao bleiben stehen, aber du bekommst sie in ihrem Zusammenhang und nicht als Souvenir.
Östlich heißt dabei nicht besser, älter oder reiner, sondern es meint Traditionen, deren Sprache nicht um Kirche und Tora kreist, sondern um das Selbst, um Leerheit und um den Weg. Wer daraus eine Weltformel macht, steht schon wieder im Laden. Die drei Ströme haben ihre Lehrer, ihre Texte und ihren Streit, sie haben Klöster und Haushalte, und Jahrhunderte, in denen niemand an Berlin dachte.
Was ist östliche Mystik nicht?
Sie ist kein Esoterik-Shop und keine geheime Physik, und sie ist auch kein Beweis dafür, dass alle Religionen dasselbe sagen. Sie ist genauso wenig ein Lebensstil, bei dem du sparsam wohnst und dich deshalb für erwacht hältst. Zen ist nicht aufgeräumt, das Tao ist nicht einfach entspannt, und Advaita behauptet nicht, dass dir nichts passiert sei, weil ohnehin alles eins ist.
Du kannst in Deutschland sitzen und ernsthaft üben, daran ist nichts kitschig. Kitschig wird es erst, wenn du die Übung gegen das Denken eintauschst oder das Denken gegen die Übung und das Ergebnis dann als Erleuchtung verkaufst. Der Maßstab bleibt die innere Erfahrung, und was du darüber sagst, muss vor den Texten bestehen können.
Was ist Advaita, wenn du es nicht kaufst?
Advaita heißt Nicht-Zweiheit und ist eine Schule des Vedanta, also der Auslegung der Upanishaden, und klassisch verbindet man sie mit Shankara, der im frühen Mittelalter lehrte. Die Kernaussage klingt einfach und ist es nicht, sie lautet, dass Atman Brahman ist, das innere Selbst also kein zweites neben dem Absoluten. Du bist kein kleines Seelchen, das später zu Gott reist, sondern die Trennung selbst ist die Täuschung, die du durchschauen sollst.
Maya heißt nicht, dass die Welt ein billiger Trick wäre, sondern es meint Erscheinung und Verkennung, so wie du im Halbdunkel ein Seil für eine Schlange hältst. Was diese Verkennung löst, ist Wissen, auf Sanskrit jnana, und kein Kristall und keine Stimmung. Die kanonischen Texte sind die Upanishaden, die Brahmasutras und die Bhagavadgita, und wer Advaita ohne diese Linie erzählt, erzählt oft nur ein westliches Gefühl von Einheit.
Im 20. Jahrhundert sitzt Ramana Maharshi (1879–1950) am Berg Arunachala in Tamil Nadu. Als Jugendlicher hatte er eine Todesangst durchlebt, danach blieb er dort, schwieg lange und antwortete knapp, wenn man ihn fragte. Seine Praxis ist die Selbstergründung mit der Frage „Wer bin ich?“, und diese Frage ist kein Slogan, sondern eine Rückfrage an den, der da fragt. Mit ihr kommt auch eine Warnung, denn „Wer bin ich?“ ist keine Technik, mit der du dein Ich aufpolierst.
Im Westen wird Advaita oft mit Therapie vermischt, nach dem Muster, dass du dich schlecht fühlst, also das Ego das Problem sein muss, also sagst du einfach, es gebe kein Ego, und das ist ein Kurzschluss. Die klassischen Lehrer setzen Unterscheidungskraft voraus, ein ethisches Leben und einen Lehrer, der dich nicht schont. Nicht-Zweiheit ist keine Erlaubnis, anderen wehzutun, weil ja niemand da sei, sie behauptet nur, dass das getrennte Ich nicht das Letzte ist, und dazwischen liegt Arbeit, die in Indien ihre Namen und Stufen hat.
Was tut man im Zen, wenn man nichts tut?
Zen kommt aus dem chinesischen Chan und wird in Japan zu einer eigenen Form, und sein Herzstück ist Zazen, das Sitzen, nicht als Wellness, sondern als der ganze Weg. Dogen (1200–1253) nennt das in der Soto-Linie shikantaza, nur sitzen, ohne einen Gewinn, den du hinterher vorzeigen könntest. In der Rinzai-Linie arbeiten die Mönche mit Koans, mit überlieferten Fällen, die den Verstand so in die Enge treiben, bis er aufhört, den Fall besitzen zu wollen. Satori oder Kensho meint ein Durchschauen der eigenen Natur, ein Ereignis innerhalb einer Übung und kein Markenzeichen.
Im deutschsprachigen Raum ist Zen oft zu einem Adjektiv geworden, beim Zen-Garten oder beim Zen-Frühstück, und dann bedeutet das Wort ungefähr schlicht, teuer und ruhig. Das historische Zen dagegen war laut, arm und streng und manchmal auch komisch, und es hängt an der Sangha, der Gemeinschaft, an einem Lehrer und an Formen, die du aus keinem Magazin lernst. Im Zazen sitzt du, der Atem geht, Gedanken kommen, und du kehrst zurück, und wer daraus eine Persönlichkeitsmarke macht, hat das Sitzen schon verlassen.
Wichtig ist ein Unterschied, den der Topf namens östliche Mystik gern zuschüttet. Der Buddhismus lehrt Anatta, das Nicht-Selbst, und Advaita lehrt den Atman, das Selbst, und das klingt nach demselben Satz mit anderem Vorzeichen, und genau da machst du dir etwas vor, wenn du zu schnell nickst. Der eine Strom sagt, dass es kein dauerhaftes Ich gibt, der andere sagt, dass das wahre Selbst das Absolute ist, und beide zielen auf das Ende der klebrigen Person, aber ihre Landkarten sind nicht dieselben, und deshalb gehören Zazen und Advaita nebeneinander und nicht übereinandergeklebt.
Was ist das Tao, das man nicht nennen kann?
Das Daodejing, das die Tradition Laozi zuschreibt, beginnt mit einem Satz, den jeder kennt und den wenige aushalten, nämlich dass das Tao, das man nennen kann, nicht das beständige Tao ist. Tao heißt Weg, Verlauf und Sinn, und es ist weder Gott im biblischen Sinn noch ein Chef hinter der Welt. Wu wei heißt nicht Faulheit, sondern Nicht-Machen im Sinn von Nicht-Erzwingen, so wie du aufhörst, auf den Fluss einzuschlagen, damit er endlich fließt.
Zhuangzi treibt das in Geschichten weiter, die dir den falschen Ernst austreiben. Da gibt es den Koch, der sein Messer nie schärfen muss, weil er es durch die Lücken im Ochsen führt, und den Mann, der einen Totenschädel fragt, ob er ins Leben zurückwill. Das ist keine Dekoration fürs Wohnzimmer, sondern eine Kritik am Willen, der alles verbessern will und dabei alles verfehlt. Später kommen die innere Alchemie, die Klöster und die Atemübungen dazu, und auch sie gehören zur Geschichte, doch für den Anfang reicht der Strom selbst, der Weg, der sich nicht als Produkt festhalten lässt.
Im Westen wird der Taoismus oft zu einer Stimmung mit Sätzen wie „Geh mit dem Fluss“ oder „Sei wie Wasser“, und das ist schön und bleibt leer, solange du den Preis weglässt. Der Preis besteht darin, dass du deine Pläne nicht mehr heiligsprichst, und Wu wei wird unbequem, sobald dein Kalender voll ist, denn genau dann hörst du, ob du einen Spruch wiederholst oder einen Weg meinst.
Wo hört die Ähnlichkeit auf?
Die Frage Was ist Mystik? legt den Maßstab auf die innere Erfahrung und nicht auf Dogma oder Ware, und derselbe Maßstab gilt hier. Der Unterschied sitzt im Gottesbild, denn die westliche Mystik spricht oft von der Vereinigung mit einem Du, Advaita spricht von einer Nicht-Zweiheit ohne ein Zweites, Zen sitzt, ohne ein Du zu füttern, und das Tao folgt einem Weg, den du nicht anbeten kannst, ohne ihn dabei schon zu verfehlen.
Ähnlichkeiten kannst du sehen, wenn du vorher unterschieden hast, und dann siehst du die Stille, das Ende des klebrigen Ich und die Warnung vor Bildern. Das reicht als Brücke, aber es reicht nicht als Gleichung. Wer Eckhart und Shankara in einen Satz zwingt, ehrt keinen von beiden, und wer Zazen mit Gebet verwechselt, weil beides still aussieht, hat nur die Fotografie verstanden.
Brauchst du einen Meister? In allen drei Strömen wird die Übertragung von Lehrer zu Schüler ernst genommen, und App und Buch sind ein Einstieg, aber kein Ersatz dafür.
Fang irgendwo an, nur nicht im Sortiment, setz dich hin, lies eine Upanishad in einer ehrlichen Übersetzung, lies Dogen langsam, und lies das Daodejing, ohne es gleich zu zitieren. Und halt dabei den Maßstab fest, dass innere Erfahrung sich an einer Linie prüfen lassen muss, die älter ist als dein Wunsch, endlich anzukommen.