Die islamische Mystik, die sich vor allem im Sufismus entfaltet hat, gehört zu den reichsten spirituellen Traditionen, die Menschen hervorgebracht haben. Sie ist viel mehr als eine Randerscheinung des Islam, sie ist sein inneres Feuer, ein Strom lebendiger Gotteserfahrung, der seit vierzehn Jahrhunderten durch die islamische Welt fließt und bis heute Menschen überall bewegt, mit seiner Geschichte, seinen großen Meistern, seinen Grundbegriffen und seinen Übungen. Wenn du dir zuerst einen breiteren Überblick über die Sprache mystischer Erfahrung wünschst, dann lies die Einführung Was ist Mystik?
Woher kommt die islamische Mystik?
Die Sehnsucht nach mehr als Pflicht
Für die Sufis ist der Prophet Mohammed selbst das Urbild des mystischen Menschen. Die Überlieferungen, die Hadith, erzählen von seinen langen Gebetsnächten und von einer Verbundenheit mit Gott, die weit über das äußere Ritual hinausging. Nach seinem Tod im Jahr 632 wuchs die islamische Gemeinschaft rasch und wurde politisch, militärisch und wirtschaftlich stark, und für immer mehr Gläubige war dieser Aufstieg kein Gewinn, sondern eine Gefahr für die Seele. Sie zogen sich zurück, trugen raue Gewänder aus Wolle, auf Arabisch suf, woher vermutlich der Name Sufi kommt, sie fasteten und beteten und suchten in der Einsamkeit die Nähe zu Gott, die sie im Trubel einer sich ausbreitenden Welt nicht mehr fanden.
Hasan al-Basri und die erste Generation der Asketen
Als Urgestalt dieser frühen Frömmigkeit gilt Hasan al-Basri (642–728). In seinen Predigten mischte sich die Furcht vor dem Gericht Gottes mit einer tiefen Sehnsucht nach seiner Nähe, und er sprach von Gott nicht als einer fernen, allwissenden Macht, sondern als dem Geliebten, dem sich das Herz des Menschen zuwendet. Damit bereitete er den Boden für eine Frömmigkeit, die das Innere über das Äußere stellt, ohne den äußeren Rahmen des islamischen Gesetzes, der Scharia, aufzugeben.
Rabia al-Adawiyya – Mutter der Gottesliebe
Die erste große Stimme einer reinen Liebesmystik im Islam war eine Frau, Rabia al-Adawiyya (ca. 717–801), eine ehemalige Sklavin aus Basra. In ihren kurzen, glühenden Gebeten und Gedichten hat sie etwas Umwälzendes gesagt, dass sie Gott nicht aus Furcht vor der Hölle liebe und auch nicht aus Verlangen nach dem Paradies, sondern allein um seiner selbst willen, und diese bedingungslose Liebe, die keinen Zweck verfolgt, die mahabba, wurde zum Herzstück der ganzen Sufi-Mystik. Leben, Motivprüfung und die Grenze der Überlieferung trägt ihr Profil unter den Mystikern; hier bleibt sie die frühe Wendung im Strom.
„O Gott, wenn ich dich aus Furcht vor der Hölle verehre, dann verbrenne mich darin. Und wenn ich dich aus Hoffnung auf das Paradies verehre, dann schließe mich davon aus. Doch wenn ich dich um deiner selbst willen verehre, dann verbirg deine ewige Schönheit nicht vor mir." — Rabia al-Adawiyya
Was ist der Sufismus eigentlich?
Das Wort Sufismus, auf Arabisch tasawwuf, ist ein westlicher Sammelbegriff für die mystischen und kontemplativen Strömungen im Islam, während man im Arabischen eher vom Weg, der tariqa, spricht oder einfach von 'irfan, der Erkenntnis. Ein Sufi ist jemand, der die äußere Seite des Islam, das Befolgen des Gesetzes, mit einer inneren Seite verbinden will, mit der Läuterung des Herzens und der Nähe zu Gott.
Diese Unterscheidung spiegelt sich in einer klassischen islamischen Dreiteilung, in Islam, der äußeren Hingabe an Gottes Willen, in Iman, dem Glauben, und in Ihsan, dem vollkommenen Handeln, bei dem du Gott so verehrst, als würdest du ihn sehen. Der Sufismus ist der Weg des Ihsan, er vertieft das religiöse Leben nach innen, bis das Herz selbst zum Ort wird, an dem du Gott begegnest. Alle Sufis verbindet die Überzeugung, dass man an Gott nicht nur glauben, sondern ihn unmittelbar erfahren kann, und dass dieser Weg eine innere Verwandlung verlangt, die man nicht aus Büchern lernt, sondern nur unter der Führung eines erfahrenen Meisters geht, eines Scheichs oder Pirs.
Wer sind die großen Meister des Sufismus?
Al-Hallaj – Der Märtyrer der Liebe
Mansur al-Hallaj (858–922) ist eine der dramatischsten Gestalten des Sufismus. Sein Ausspruch ana'l-haqq, „Ich bin die Wahrheit“, wobei al-Haqq, die Wahrheit, einer der Namen Gottes ist, wurde als Gotteslästerung verstanden und kostete ihn das Leben, denn er wurde in Bagdad gekreuzigt. Für die Sufis ist al-Hallaj aber kein Ketzer, sondern ein Märtyrer der mystischen Liebe, einer, der so ganz in Gott aufgegangen war, dass kein Ich mehr zwischen ihm und Gott stand. In seiner Geschichte spitzt sich die große Spannung der islamischen Mystik zu, die Frage nämlich, wie die Erfahrung der Einheit mit Gott zu der Lehre passt, dass Schöpfer und Geschöpf verschieden sind.
Al-Ghazali – Der Theologe als Sufi
Abu Hamid Muhammad al-Ghazali (1058–1111) ist vielleicht die wichtigste einzelne Gestalt, wenn es um das Verhältnis zwischen Sufismus und islamischer Rechtgläubigkeit geht. Als Professor in Bagdad erlebte er einen inneren Zusammenbruch, weil er erkannte, dass ihn all seine theologische Gelehrsamkeit der eigentlichen Erfahrung Gottes nicht nähergebracht hatte. Er verließ seinen Lehrstuhl, wanderte als Asket durch Syrien und Palästina und kehrte schließlich mit der Überzeugung zurück, dass der Sufismus kein Gegensatz zur Rechtgläubigkeit ist, sondern ihre tiefste Erfüllung. Sein Hauptwerk Ihya 'Ulum ad-Din, Die Wiederbelebung der Religionswissenschaften, verband Theologie, Ethik und mystische Praxis zu einem großen Ganzen und machte den Sufismus für die Mitte des Islam annehmbar. Mehr über Leben und Werk erzählt der Beitrag zu Al-Ghazali.
Ibn Arabi – Der Größte Meister
Muhyiddin Ibn Arabi (1165–1240), geboren in Murcia im islamischen Spanien, gilt als der kühnste Denker des Sufismus, und seine Schüler nannten ihn al-Shaykh al-Akbar, den „Größten Meister“. In seinem gewaltigen Werk Futūḥāt al-Makkiyya und in den Fuṣūṣ al-Ḥikam entwickelte er eine vollständige Lehre davon, was in der mystischen Erfahrung geschieht und wie die Welt gebaut ist. Im Mittelpunkt steht die Wahdat al-Wujud, die Einheit des Seins, der Gedanke, dass es nur ein einziges Sein gibt, das Sein Gottes, und dass alles Geschaffene eine Erscheinung seiner unendlichen Selbstentfaltung ist. Ibn Arabis Denken hat die ganze spätere Entwicklung des Sufismus geprägt und weit über den Islam hinausgewirkt, auf die jüdische Kabbala ebenso wie auf die abendländische Mystik, und der Beitrag zu Ibn Arabi führt dich tiefer in dieses Denken hinein.
Rumi – Der Dichter der göttlichen Liebe
Jalal ad-Din Muhammad Rumi (1207–1273) gehört heute zu den meistgelesenen Dichtern der Welt. Er wurde in Balkh im heutigen Afghanistan geboren und verbrachte den größten Teil seines Lebens in Konya im heutigen Anatolien, und die entscheidende Begegnung seines Lebens war die mit dem wandernden Derwisch Shams-i-Tabrizi, in dessen Nähe Rumi in eine tiefe Trunkenheit von Gott geriet. Als Shams plötzlich verschwand, verwandelte Rumi seinen Schmerz in Dichtung, in das Masnavi, ein Lehrgedicht in sechs Bänden mit rund 25.000 Versen, und in den Divan-e Shams, eine Sammlung von Liebesgedichten, die zu den Höhepunkten der Weltliteratur gehören. Einen tieferen Einblick in Leben und Werk gibt der Beitrag zu Rumi.
„Höre auf die Rohrflöte, wie sie klagt und singt / Von Trennungsschmerz, der tief im Herzen dringt. / Seit ich vom Schilfrohrbett wurde abgetrennt, / Hat Mann und Weib mein Lied zum Weinen hingerissen." — Rumi, Masnavi (Beginn)
Wie geben die Sufi-Orden den Weg weiter?
Was ist eine Tariqa?
Das arabische Wort tariqa heißt Weg oder Pfad, und im Sufismus meint es die Ordensgemeinschaft, in der das mystische Wissen vom Meister an den Schüler weitergegeben wird. Eine Tariqa ist kein Kloster im westlichen Sinn, sondern eher ein geistliches Netz, eine Kette der Einweihung, die silsila, die ohne Unterbrechung bis zum Propheten Mohammed zurückreicht. Der Scheich ist dabei nicht nur Lehrer, sondern geistlicher Vater und Spiegel, denn er zeigt dem Schüler seine blinden Flecken, führt ihn durch die Stationen des Weges und verkörpert in seiner eigenen Person das Ziel der Reise.
Die großen Orden
Die Qadiriyya, benannt nach Abd al-Qadir al-Gilani (1077–1166), ist eine der ältesten und am weitesten verbreiteten Sufi-Bruderschaften, die du besonders in Westafrika, Zentralasien und Südasien findest, und sie legt großen Wert auf das Gedenken Gottes, den Dhikr, und auf die Liebe zum Propheten.
Die Mevleviyya, im Westen als die „Tanzenden Derwische“ bekannt, wurde von Rumis Nachfolgern in Konya gegründet. Ihr bekanntestes Ritual ist der Sema, der Drehtanz, bei dem die Derwische um die eigene Achse kreisen und dabei eine tiefe meditative Versenkung suchen, und 2008 hat die UNESCO die Mevleviyya als immaterielles Kulturerbe anerkannt.
Die Naqshbandiyya gehört zu den einflussreichsten Bruderschaften in Zentralasien, Indien und der Türkei. Sie übt einen stillen, inneren Dhikr des Herzens statt des lauten, rhythmischen Gedenkens anderer Orden und ist für ihre enge Verbindung zur islamischen Rechtgläubigkeit bekannt.
Die Shadhiliyya, die im 13. Jahrhundert in Nordafrika entstand, lehrte, dass man den mystischen Weg mitten im Alltag gehen kann und nicht nur in der Zurückgezogenheit. Einen ausführlichen Überblick gibt der Beitrag Sufi-Orden – Geschichte und Bedeutung.
Was unterscheidet Stationen und Zustände auf dem Weg?
Zu den größten Leistungen der Sufis gehört, dass sie den geistlichen Weg sehr genau beschrieben haben. Wo die populäre Spiritualität oft vage von Erleuchtung spricht, haben die Sufi-Meister über Jahrhunderte eine feine Landkarte der inneren Zustände und Stationen gezeichnet.
Die Stationen (Maqamat) – Errungene Haltungen
Die Maqamat, in der Einzahl Maqam, sind dauerhafte Haltungen, die der Sufi auf seinem Weg erwirbt und nicht mehr verliert, wenn er sie einmal erreicht hat. Zu den klassischen Stationen gehören Tawba, die Reue, als echte und bleibende Umkehr zu Gott, Zuhd, die Weltentsagung, also eine innere Freiheit von der Welt, auch wenn du äußerlich in ihr lebst, Sabr, die Geduld, die in Schwierigkeiten tätig ausharrt, Tawakkul, das Gottvertrauen, mit dem du dich ganz Gottes Fürsorge überlässt, und Rida, die Zufriedenheit, in der der Sufi Gottes Willen nicht nur erträgt, sondern liebt. Diese Stationen entsprechen auf verblüffende Weise dem, was christliche Mystiker als Purgatio und Illuminatio beschreiben.
Die Zustände (Ahwal) – Geschenkte Erfahrungen
Die Ahwal, in der Einzahl Hal, sind vergängliche Zustände des Bewusstseins, die dem Sufi geschenkt werden, nicht verdient, sondern empfangen. Sie sind wie Besucher, die kommen und wieder gehen, Augenblicke tiefer Nähe zu Gott, voller Freude, Sehnsucht, Staunen oder heiliger Furcht. Der Unterschied zwischen Maqam und Hal ist grundlegend, denn der Maqam bleibt und wird erworben, während der Hal flüchtig ist und geschenkt wird, und eine ähnliche Unterscheidung findest du auch in der Beschreibung mystischer Erfahrungen anderer Traditionen.
Was bedeuten Fana, Baqa und die Einheit des Seins?
Fana – Das Vergehen im Göttlichen
Die Fana, wörtlich Vernichtung oder Vergehen, steht in der Mitte der sufischen Lehre von der Erfahrung. Gemeint ist der Zustand, in dem das Ego, das eigensüchtige und von Gott getrennte Selbst, aufgehört hat zu bestehen, und das ist keine Auslöschung des Bewusstseins, sondern eine Verwandlung, in der sich das kleine, begrenzte Ich auflöst und das Bewusstsein wie ein reiner Spiegel Gottes zurückbleibt. Die Fana entspricht im Islam der Unio Mystica der christlichen Tradition oder dem Samadhi im Yoga.
Baqa – Das Bleiben nach dem Vergehen
Auf die Fana folgt die Baqa, das Bleiben oder Fortbestehen. Der Sufi, der die Fana erfahren hat, kehrt in die Welt zurück, aber nicht als derselbe Mensch, sondern verwandelt durch die Nähe zu Gott, mitfühlend, großzügig und gegenwärtig. Viele große Sufi-Meister waren nach ihrer mystischen Erfahrung tätige Lehrer, Dichter und politische Ratgeber, und ihr Leben zeigt, dass echte Mystik nicht aus der Welt hinausführt, sondern tiefer in sie hinein.
Wahdat al-Wujud – Die Einheit des Seins
Ibn Arabis Grundgedanke, die Wahdat al-Wujud, die Einheit des Seins, besagt, dass es nur ein einziges Sein gibt, das Sein Gottes, und dass alles Geschaffene eine Erscheinung dieses einen Seins ist, ein Aufleuchten, auf Arabisch tajalli. Ibn Arabi hat das mit dem Bild vom Meer und den Wellen erklärt, denn die Wellen sind wirklich, sie haben Gestalt und Kraft, und doch ist ihr Sein das Sein des Meeres. Verwandte Gedanken findest du im hinduistischen Advaita Vedanta, im Ein Sof der jüdischen Kabbala und in der Einheitsmystik Meister Eckharts. Die Lehre selbst als Thema, getrennt vom Lebensweg des Meisters, trägt die Unterseite zur Einheit des Seins; hier bleibt sie Teil des Stroms.
Wie üben Sufis?
Die Sufi-Mystik findet nicht nur im Kopf statt, sie lebt von konkreten Übungen, die oft jeden Tag wiederholt werden und das Herz formen und auf Gott ausrichten. Einen vollständigen Überblick gibt der Beitrag zu den Sufi-Praktiken.
Dhikr – Das Gedenken Gottes
Der Dhikr, das Gedenken Gottes, ist die wichtigste Übung des Sufismus, und das Wort kommt aus dem Koran, wo es heißt: „Gedenkt meiner, dann werde ich eurer gedenken“ (2:152). Im Sufismus ist der Dhikr eine meditative Wiederholung von Gottesnamen oder Glaubensformeln, allen voran La ilaha illa Allah, Es gibt keine Gottheit außer Gott, in rhythmischer Form und oft verbunden mit gelenktem Atem und Bewegungen des Körpers. Das Ziel ist, dass sich das ganze Bewusstsein auf Gott ausrichtet, bis alle anderen Gedanken und Bindungen verstummen, und darin ist der Dhikr verwandt mit dem Herzensgebet des Hesychasmus und mit der Mantra-Praxis im Yoga.
Sama – Das spirituelle Hören
Sama heißt wörtlich Hören und meint das geistliche Konzert, in dem Musik, Gesang, Dichtung und Tanz das Herz für die Nähe Gottes öffnen sollen. Im Sama arbeitet nicht der eigene Wille, sondern der Klang, der die Hülle des Ego aufbricht und das Herz freilegt. Al-Ghazali hat eine ausführliche Verteidigung des Sama geschrieben und darin betont, dass nicht die Musik selbst heilig oder unheilig ist, sondern die innere Haltung dessen, der zuhört.
Der Drehtanz der Derwische
Der Sema der Mevlevis ist die bekannteste Übung der Sufis. Die weiß gekleideten Derwische drehen sich langsam um die eigene Achse, die rechte Hand nach oben geöffnet, um von Gott zu empfangen, und die linke nach unten, um an die Welt weiterzugeben. Das Drehen steht für die Bewegung alles Seienden um die Mitte, die Gott ist, und zugleich für die Bewegung der Erde um die Sonne, und so wird der Tanz zu einem Gebet in Bewegung. In der Stille hinter dem Drehen sucht der Derwisch die Begegnung mit dem, was Rumi das „Schweigen des Liebenden“ nannte.
Warum steht die Liebe im Mittelpunkt?
Kein Thema zieht sich so tief und so beständig durch den Sufismus wie die Liebe. Für die meisten Sufis ist nicht die fromme Pflichterfüllung und nicht die gelehrte Theologie der eigentliche Kern des geistlichen Lebens, sondern die mahabba, die Liebe zu Gott. Diese Liebe ist kein sentimentales Gefühl, sondern eine Kraft, die den ganzen Kosmos durchzieht, die Kraft, durch die Gott sich selbst als Schöpfung hervorbringt und durch die sich die Schöpfung wieder zu Gott hin bewegt.
Rumi beschreibt die Liebe als eine Flamme, die alles verbrennt, was nicht Liebe ist, und Ibn Arabi entwickelt eine ganze Lehre von der Liebe, nach der Gott die Welt erschafft, weil er erkannt und geliebt werden will, wie es in einem hadith qudsi heißt: „Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden, so schuf ich die Schöpfung.“ Diese Liebesmystik öffnet den Sufismus für Menschen aller Kulturen, denn du musst kein Muslim sein, um von Rumis Versen berührt zu werden, weil sie von etwas sprechen, das jeder Mensch kennt, von der Sehnsucht nach Verbindung, nach Heimkehr und nach einer Liebe ohne Bedingung. Wie tief dieses Thema reicht, zeigt der Beitrag zur Liebe in der Sufi-Mystik.
Wie verhält sich der Sufismus zu anderen Traditionen?
Der Sufismus steht in der Geschichte der Mystik nicht allein, und besonders auffällig sind die Parallelen zur christlichen Mystik. Meister Eckharts Lehre vom „Grund der Seele“ klingt fast wie eine christliche Übersetzung der sufischen Fana, und die Via Negativa des Dionysius Areopagita teilt mit der Theologie der Sufis die Überzeugung, dass Gott so unbegreiflich ist, dass wir ihm im Schweigen näherkommen als im Reden. Die Dunkle Nacht der Seele des Johannes vom Kreuz entspricht dem sufischen qabd, der inneren Enge, die dem mystischen Aufstieg vorausgeht.
Mit der jüdischen Kabbala verbindet den Sufismus nicht nur die geschichtliche Nähe, denn Islam, Christentum und Judentum begegneten sich besonders in Andalusien, sondern auch eine Verwandtschaft im Aufbau, weil das Ein Sof der Kabbalisten dem al-Ghayb al-Mutlaq der Sufis entspricht, dem absolut Verborgenen. Mit den östlichen Traditionen teilt der Sufismus die Betonung der inneren Erfahrung und der direkten Weitergabe vom Meister an den Schüler. Einen ausführlichen Vergleich findest du unter Traditionen im Vergleich.
Wie lebt der Sufismus heute?
Zwischen Tradition und Moderne
Der Sufismus ist im 21. Jahrhundert lebendig wie selten, aber auch umstrittener denn je. In vielen islamisch geprägten Ländern werden Sufis von islamistischen Bewegungen verfolgt, die in ihren Übungen Ketzerei sehen, und dort werden Heiligenschreine gesprengt und Treffen der Orden verboten. Zugleich erlebt der Sufismus im Westen eine bemerkenswerte Wiederkehr, denn Universitäten erforschen die sufische Literatur, Übersetzungen von Rumi verkaufen sich millionenfach, und in Deutschland, den USA und Frankreich entstehen Sufi-Gruppen.
Der universale Rumi und die Frage der Kontextualisierung
Rumi ist das deutlichste Beispiel für diese Spannung, denn seine Verse werden überall gelesen und zitiert, oft ganz losgelöst von ihrem islamischen Zusammenhang. Die Traditionalisten betonen, dass Rumi ein tief frommer Muslim war und dass man seine Mystik ohne den Islam nicht versteht, und die Universalisten antworten, dass Rumi selbst die Liebe für alle geöffnet und sich an Menschen jeder Religion gewandt hat. Diese Spannung ist fruchtbar, weil sie zeigt, wie eine mystische Überlieferung immer wieder neu angeeignet wird, ohne dass sie ihren Ursprung verleugnen muss.
Sufismus in Deutschland
Auch in Deutschland gibt es ein lebendiges Sufi-Leben, und Gemeinschaften der Naqshbandi, der Shadhili und der Qadiri haben hier Wurzeln geschlagen. Seminare, Dhikr-Kreise und Retreats öffnen die Praxis des Sufismus auch für Menschen, die nicht islamisch aufgewachsen sind, und wie der Sufismus im 21. Jahrhundert weiterlebt, zeigt der Beitrag Sufismus heute aus verschiedenen Blickwinkeln.
„Es gibt viele Laternen und viele Lichter, aber das Licht ist eins." — Rumi
Was fragen Menschen am häufigsten?
Ist Sufismus dasselbe wie Islam?
Der Sufismus ist nicht dasselbe wie der Islam, aber er ist ein Teil von ihm, nämlich seine mystische und kontemplative Seite, so wie es im Christentum mystische Strömungen gibt, die nicht das ganze Christentum ausmachen. Gestalten wie Al-Ghazali haben gezeigt, dass Sufismus und islamische Rechtgläubigkeit sich fruchtbar miteinander verbinden lassen.
Kann man Sufismus praktizieren, ohne Muslim zu sein?
Viele Elemente der sufischen Praxis, die Meditation, die Stille, das Gedenken Gottes und das Lesen der Sufi-Dichtung, können Menschen jeder Glaubensrichtung aufgreifen. Aus der Sicht der traditionellen Sufi-Orden setzt die volle Einweihung in eine Tariqa aber in der Regel das islamische Glaubensbekenntnis voraus, während universalere Sufi-Bewegungen, etwa die von Hazrat Inayat Khan, sich bewusst allen Menschen öffnen.
Was ist der Unterschied zwischen Sufismus und islamischem Fundamentalismus?
Der Sufismus und die islamistisch-fundamentalistischen Bewegungen stehen sich genau gegenüber. Der Fundamentalismus besteht auf buchstäblicher Gesetzestreue und politischer Macht, der Sufismus betont die innere Erfahrung, die Liebe und die Achtung vor anderen Wegen, und viele fundamentalistische Bewegungen halten den Sufismus deshalb für eine Irrlehre, wofür die Zerstörung von Sufi-Schreinen durch den IS das erschütterndste Zeugnis in unserer Zeit ist.
Welche Bücher empfehlen sich als Einstieg in den Sufismus?
Für den Anfang eignen sich Sammlungen der Sufi-Dichtung und Annemarie Schimmels Mystische Dimensionen des Islam, das bis heute unübertroffene Standardwerk in deutscher Sprache. Al-Ghazalis eigene Stimme hörst du in seiner Autobiografie Errettung aus dem Irrtum, und wenn du Ibn Arabi kennenlernen willst, fängst du am besten mit William Chitticks Einführung The Sufi Path of Knowledge an. Und dann natürlich Rumis Masnavi, am besten jeden Tag in kleinen Portionen.
Wie unterscheidet sich die Sufi-Mystik von der christlichen und jüdischen Mystik?
Alle drei Traditionen teilen die Überzeugung, dass der Mensch Gott unmittelbar erfahren kann, und der wichtigste Unterschied liegt im theologischen Rahmen. Die christliche Mystik ist tief geprägt von der Menschwerdung Gottes und von den Sakramenten, die jüdische Mystik entfaltet ihre Bilder aus der Tora und den hebräischen Gottesnamen, und der Sufismus ist geprägt vom Gottesbild des Korans und von der zentralen Rolle des Propheten. In der Beschreibung des Weges aber, von der Reinigung über die Erleuchtung bis zur Vereinigung, sind die Ähnlichkeiten so groß, dass viele Mystiker aller drei Traditionen vermutet haben, sie sprächen von derselben Erfahrung in verschiedenen Sprachen.