Wege der Mystik

Christliche Mystik

Die christliche Mystik ist eine der reichsten kontemplativen Traditionen der Welt. Von den Wüstenvätern über die mittelalterlichen Mystiker bis hin zu modernen Stimmen – hier begegnest du den großen Lehrern, die Gott nicht nur dachten, sondern erlebten.

Gotisches Kirchenschiff
Blick in das Schiff einer gotischen Kathedrale.

Christliche Mystik ist einer der tiefsten und zugleich einer der am häufigsten missverstandenen Stränge in der Geschichte des Abendlandes. Wenn jemand von Mystik spricht, meint er damit keine vage Schwärmerei und keine weltfremde Entrückung, sondern eine Tradition, die sich seit fast zwei Jahrtausenden um die unmittelbare Erfahrung Gottes dreht. Die christlichen Mystikerinnen und Mystiker haben die lebendige Begegnung mit Gott gesucht, und zwar dort, wo die Theologie und das bloße Nachdenken über Gott nicht mehr weiterkommen, denn sie wollten Gott nicht nur verstehen, sie wollten ihn erfahren, schmecken und berühren. Ihre Schriften, Gebete und Lebensgeschichten gehören zum Kostbarsten, was Menschen hervorgebracht haben, und sie reichen von den ersten Wüstenvätern bis zu den kontemplativen Bewegungen unserer Zeit. Wenn du dir zuerst einen breiteren Überblick wünschst, dann lies die Einführung Was ist Mystik?

Wie hat alles in der Wüste angefangen?

Die Flucht in die Wüste

Die christliche Mystik beginnt in der Wüste. Im 3. und 4. Jahrhundert zogen Männer und Frauen in die ägyptische und syrische Wüste, um dort ganz einfach zu leben und zu beten, und was sie antrieb, war die Sehnsucht nach einer Begegnung mit Gott, die über die Rituale und Ordnungen einer Kirche hinausging, die gerade dabei war, eine Institution zu werden. Antonius der Große (ca. 251–356) gilt als Vater des christlichen Mönchtums, und seine Lebensbeschreibung, die Athanasius von Alexandrien verfasst hat, wurde zu einem der einflussreichsten Bücher der Spätantike und hat Tausende dazu gebracht, ihm in die Einsamkeit zu folgen.

Evagrius und die acht Leidenschaften

Evagrius Ponticus (345–399) hat als Erster im Christentum eine geordnete Lehre von der Kontemplation geschrieben, von der theoria, der inneren Schau. Er unterschied acht logismoi, also Gedankenmuster oder Leidenschaften, die den Geist von Gott ablenken, nämlich Völlerei, Unkeuschheit, Habgier, Traurigkeit, Zorn, Überdruss (acedia), Ruhmsucht und Hochmut. Johannes Cassian hat diese Lehre später ins Lateinische übertragen, und von dort ist sie in die westliche Liste der sieben Todsünden eingeflossen. Für Evagrius war die apatheia die Voraussetzung für die Schau, und damit meinte er keine Gefühllosigkeit, sondern eine innere Freiheit von den Leidenschaften, und das Ziel des geistlichen Lebens sah er in einer Rückkehr zur ursprünglichen Einheit mit Gott.

Die Wüstenmütter und die Apophthegmata

Die Wüstenmütter, Amma Synkletike, Amma Sara, Amma Theodora und andere, stehen oft zu Unrecht im Schatten der Männer ihrer Zeit, obwohl ihre Aussprüche in den Apophthegmata Patrum, den Sprüchen der Väter, von einer Weisheit zeugen, die ebenso tief wie nüchtern ist. „Wenn du betest, handle nicht wie einer, der sich seines Betens rühmt“, mahnte Amma Synkletike. Solche kurzen Sprüche sind keine abstrakten Lehrsätze, sondern das, was von gelebter Erfahrung übrig bleibt, wenn man alles Überflüssige weglässt, und sie legen den Grund für alles, was in der christlichen Mystik noch kommen sollte, nämlich für die Überzeugung, dass ein Mensch durch innere Reinigung, durch Stille und durch Hingabe zu einer unmittelbaren Erkenntnis Gottes gelangen kann.

„Sitz in deiner Zelle, und deine Zelle wird dich alles lehren." — Wüstenvater Moses

Warum sagt die Via Negativa, was Gott nicht ist?

Eine entscheidende Wende kam mit einem geheimnisvollen Autor, der sich Dionysius Areopagita nannte. Seine Schrift Mystische Theologie aus dem späten 5. Jahrhundert enthält eine radikale Einsicht, dass Gott jedes menschliche Begreifen so vollständig übersteigt, dass wir ihn nur annähernd beschreiben können, indem wir sagen, was er nicht ist. Diese Via Negativa, der verneinende Weg, wurde zum Herzstück der apophatischen Theologie, also der Theologie, die lieber schweigt, als Gott auf ein Bild festzulegen.

Dionysius lehrte, dass der Aufstieg zu Gott ein Aufstieg ins Dunkel ist, ein allmähliches Loslassen aller Bilder, aller Begriffe und aller Vorstellungen. In der Mystischen Theologie erzählt er, wie Mose den Berg Sinai hinaufsteigt, und je höher er kommt, desto dichter wird die Wolke, bis er schließlich in das „überlichte Dunkel“ eintritt, wohin weder die Sinne noch die Vernunft reichen. Du kommst Gott dort nicht durch Wissen näher, sondern durch ein Nicht-Wissen, das sich nicht mehr festhält.

Wie stark Dionysius gewirkt hat, kann man kaum überschätzen. Im 9. Jahrhundert übersetzte der irische Gelehrte Johannes Scotus Eriugena seine Schriften ins Lateinische, und von da an zog sich die apophatische Theologie wie ein goldener Faden durch die ganze westliche Mystik. Die anonyme Wolke des Nichtwissens aus dem 14. Jahrhundert, Meister Eckharts Lehre von der Gelassenheit, das Wort des Nikolaus von Kues von der docta ignorantia, der gelehrten Unwissenheit, und von der coincidentia oppositorum, dem Zusammenfall der Gegensätze, und selbst die Noche Oscura des Johannes vom Kreuz stehen alle in der Linie, die Dionysius begonnen hat. Verwandte Gedanken findest du auch in der islamischen Mystik und in der jüdischen Kabbala, etwa im Ein Sof der Kabbalisten oder in der Rede der Sufis vom verborgenen Gott, und das deutet darauf hin, dass Menschen das Unbegreifliche an vielen Orten ähnlich erfahren haben.

Was brachte Bernhard von Clairvaux in die Mystik?

Bevor die Rheinische Mystik aufblühte, hatte Bernhard von Clairvaux (1090–1153) im zwölften Jahrhundert der lateinischen Christenheit eine Sprache der Liebe gegeben, die lange nachhallte. Der Zisterzienserabt von Clairvaux predigte über das Hohelied und las darin die Begegnung von Gott und Seele, nicht als kalte Allegorie, sondern als Brautmystik, in der Sehnsucht, Suche und Nähe den Willen formen. In De diligendo Deo fragt er, warum und wie der Mensch Gott lieben soll, und er lässt die Liebe nicht bei dem Nutzen stehen, den sie dir bringt. Bernhard war zugleich Ordensmann, Briefeschreiber und streitbare öffentliche Figur, und wer ihn nur als sanften Mystiker rahmt, verfehlt die Härte dieses Lebens. Für den Strom der christlichen Mystik bleibt er der große Lehrer der liebenden Nähe, der die Seele nicht in Gott auflöst, sondern sie durchdringen lässt, ohne dass der Mensch aufhört, Geschöpf zu sein.

Was geschah in der Mystik am Rhein?

Im 13. und 14. Jahrhundert erlebte der deutschsprachige Raum eine außergewöhnliche Blüte mystischen Denkens und Erlebens, und in ihrer Mitte stand Meister Eckhart, der Dominikaner aus Thüringen, dessen kühne Predigten die Grenzen der scholastischen Theologie sprengten. Eckhart sprach von der Gottesgeburt in der Seele, vom Grund der Seele, in dem Gott und Mensch eins sind, und von der Gelassenheit, mit der du alle eigenen Vorstellungen und Wünsche loslässt. Seine Sprache war poetisch und voller Widersprüche, die absichtlich stehen bleiben, und sie war so radikal, dass sie ihm einen Prozess vor der Inquisition einbrachte.

„Das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist dasselbe Auge, mit dem Gott mich sieht. Mein Auge und Gottes Auge sind ein Auge und ein Sehen und ein Erkennen und ein Lieben." – Meister Eckhart

Eckharts Schüler haben sein Werk weitergeführt. Johannes Tauler, der als Seelsorger in Straßburg wirkte, übersetzte Eckharts spekulative Mystik in eine praktische Anleitung für das innere Leben, und Heinrich Seuse verband die mystische Theologie mit einer leidenschaftlichen, fast minnehaften Hingabe an die göttliche Weisheit. Doch die Rheinische Mystik war keineswegs nur eine Sache der Männer, denn die Beginen, fromme Frauen, die ohne Ordensgelübde in Gemeinschaften lebten, gehörten zu den mutigsten mystischen Stimmen ihrer Zeit. Mechthild von Magdeburg schrieb mit dem „Fließenden Licht der Gottheit“ eines der eindringlichsten mystischen Werke des Mittelalters, und Marguerite Porete bezahlte ihr Buch „Der Spiegel der einfachen Seelen“ mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen. Wenig später schrieb Jan van Ruusbroec in Groenendaal bei Brüssel von der geistlichen Hochzeit und dem gemeinsamen Leben, in dem Kontemplation und Liebe zum Nächsten nicht auseinanderfallen. Auch Hildegard von Bingen hat, obwohl sie früher lebte, mit ihren kosmischen Visionen und ihrer ganzheitlichen Frömmigkeit den Boden für diese reiche Tradition bereitet.

Wer war Hildegard von Bingen?

Hildegard von Bingen (1098–1179) lebte vor der Rheinischen Mystik, aber ihre Wirkung ist nicht geringer. Die Benediktinerin vom Rupertsberg war Visionärin, Naturkundlerin, Komponistin, Äbtissin und politische Beraterin zugleich, eine Begabung, wie man sie in der Geschichte selten findet. Schon als Kind hatte sie Visionen, die sie als Schatten des lebendigen Lichtes beschrieb, und in ihrem Hauptwerk Scivias, Wisse die Wege, entfaltete sie eine große kosmische Schau, in der der Mensch in der Mitte eines lebendigen Universums steht, das von der Kraft Gottes durchdrungen ist, einer Kraft, die Hildegard Viriditas nannte, die Grünkraft.

Was Hildegard von vielen anderen Mystikern unterscheidet, ist ihr Blick auf das Ganze. Für sie waren Körper und Seele, Natur und Gnade, Himmel und Erde keine Gegensätze, sondern Ausdruck derselben schöpferischen Kraft Gottes, und ihre Musik, die Symphonia armonie celestium revelationum, gehört zu den ergreifendsten liturgischen Kompositionen des Mittelalters. An Hildegard siehst du, dass christliche Mystik nicht heißen muss, die Welt zu verneinen, sondern dass sie auch eine staunende, vertiefte Zuwendung zur Schöpfung sein kann. Papst Benedikt XVI. erhob sie 2012 zur Kirchenlehrerin, und sie war erst die vierte Frau in der Geschichte, der diese Ehre zuteilwurde.

Was lehren Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz?

Im 16. Jahrhundert erlebte die christliche Mystik auf der Iberischen Halbinsel einen zweiten Höhepunkt. Teresa von Ávila, die große Karmelitin, schrieb mit der Inneren Burg eine der genauesten Landkarten des mystischen Weges, die es gibt. Sie beschrieb die Seele als eine Burg mit sieben Wohnungen, durch die der Betende hindurchgeht, von den ersten Anfängen des inneren Gebets bis zur mystischen Vermählung mit Gott im innersten Gemach. Dabei war Teresa keine weltfremde Visionärin, sondern Ordensreformerin, Klostergründerin, Verwalterin und eine Frau, die politisch kämpfen konnte, und entsprechend erdverbunden und praktisch war ihre Mystik.

Ihr geistlicher Gefährte Johannes vom Kreuz ging einen anderen, dunkleren Weg, und seine Dichtung, vor allem die Dunkle Nacht der Seele und der Geistliche Gesang, gehört zur Weltliteratur. Johannes beschrieb den mystischen Weg als eine radikale Entleerung, in der die Sinne geläutert, der Verstand gereinigt und der Wille geformt wird, bis die Seele in der vollkommenen Vereinigung mit Gott aufgeht. Seine Lehre von der Dunklen Nacht hat Generationen von Suchenden getröstet, die erleben mussten, dass der Weg zu Gott durch Zeiten tiefer Trostlosigkeit führen kann, in denen Gott scheinbar verschwunden ist, und gerade in dieser Finsternis, sagt Johannes, geschieht die tiefste Verwandlung.

„Nichts beunruhige dich, nichts erschrecke dich. Alles geht vorüber. Gott allein genügt." — Teresa von Ávila

Was ist das Herzensgebet der Ostkirche?

Während die westliche Christenheit ihre großen Mystiker hervorbrachte, wuchs in der östlichen Orthodoxie eine eigene und ebenso tiefe Tradition des inneren Gebets. Der Hesychasmus, vom griechischen hesychia, Stille, ist eine Gebetspraxis, die auf die Wüstenväter zurückgeht und im byzantinischen Mönchtum ihre reifste Form gefunden hat. In seiner Mitte steht das Herzensgebet, das man auch Jesusgebet nennt, die fortwährende Wiederholung der Anrufung „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.“ Diese scheinbar einfache Übung zielt auf nichts Geringeres als auf die Verwandlung des ganzen Menschen, denn der Beter lässt, wie es in der klassischen Formulierung heißt, den Verstand ins Herz hinabsinken und findet dort die innere Stille, in der er Gottes Gegenwart unmittelbar erfährt.

Im 14. Jahrhundert verteidigte Gregor Palamas, ein Mönch vom Berg Athos, diese Praxis gegen ihre Kritiker. Er lehrte, dass die Mönche beim Beten keiner Täuschung erliegen, sondern wirklich dem ungeschaffenen Licht Gottes begegnen, demselben Licht, das auf dem Berg Tabor aufgeleuchtet hatte. Die Philokalie, eine im 18. Jahrhundert zusammengestellte Sammlung hesychastischer Texte, und die anonymen Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers haben diese Tradition bis in die Moderne getragen, und heute entdecken auch viele westliche Christen das Herzensgebet als einen Weg, sich innerlich zu sammeln.

Warum ist die Mystik des Thomas von Kempen so still?

Nicht jede Strömung der christlichen Mystik war spekulativ oder visionär. Thomas von Kempen und die Bewegung der Devotio Moderna im 15. Jahrhundert stehen für einen anderen Zugang, für eine schlichte, innige Frömmigkeit, die sich am täglichen Leben ausrichtet. Die Nachfolge Christi des Thomas gilt nach der Bibel als das meistgelesene Buch der christlichen Literatur, und sie lehrt keine ekstatischen Aufstiege und keine spekulativen Höhenflüge, sondern die tägliche Übung der Demut, der Geduld und der stillen Hingabe an Gottes Willen. Diese Tradition erinnert dich daran, dass Mystik nicht den Ausnahmezustand meint, sondern eine Art sein kann, den Alltag zu leben, mit einer vertieften Aufmerksamkeit für die Gegenwart Gottes in jedem Augenblick.

Welche drei Stufen hat der mystische Weg?

Die christlichen Mystiker haben den Weg zur Gotteserfahrung in ein klassisches Modell mit drei Stufen gefasst, und dieses Modell findet sich in erstaunlich ähnlicher Form auch in anderen Traditionen wieder, im Sufismus als die Maqamat, die Stationen, und im Yoga als die Stufen des Ashtanga. Im christlichen Zusammenhang unterscheidet man die folgenden drei:

Purgatio — Der Weg der Reinigung

Die erste Stufe entspricht dem, was die Wüstenväter praktiké nannten, der aktiven Arbeit an dir selbst. Es geht darum, frei zu werden von Anhaftungen, den Willen zu läutern und die ethischen Tugenden wachsen zu lassen, und die Wüstenväter sprachen hier mit Evagrius von den logismoi, den acht Gedankenmustern, die den inneren Frieden stören. Johannes vom Kreuz beschrieb diese Phase als die Dunkle Nacht der Sinne, in der die sinnlichen Freuden an Gott versiegen und der Betende lernt, allein im Glauben weiterzugehen. Diese Phase ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess, der ein Leben lang dauert, und in heutiger Sprache entspricht sie dem, was C.G. Jung als Schattenarbeit beschrieben hat, der bewussten Begegnung mit den verdrängten Seiten der eigenen Persönlichkeit.

Illuminatio — Der Weg der Erleuchtung

Auf der zweiten Stufe beginnt sich das innere Auge zu öffnen, und die Mystiker erzählen von Momenten tiefer Erkenntnis, von einem Wissen, das nicht aus Büchern oder aus dem Nachdenken kommt, sondern aus unmittelbarer Einsicht. Hildegard von Bingen erlebte ihre Visionen so, als würde das lebendige Licht sie durchdringen, und Teresa von Ávila beschrieb die mittleren Wohnungen der Inneren Burg als Orte, an denen es innerlich immer klarer wird und der Betende beginnt, Gottes Gegenwart in allen Dingen wahrzunehmen. Oft kommt in dieser Phase das dazu, was William James die noetische Qualität mystischer Erfahrungen nannte, das Gefühl, eine tiefere Wahrheit erkannt zu haben, die sich mit Worten nie ganz mitteilen lässt.

Unio — Die mystische Vereinigung

Die dritte und höchste Stufe ist die Unio Mystica, die Vereinigung der Seele mit Gott. Meister Eckhart sprach von der Gottesgeburt in der Seele, Teresa von Ávila von der mystischen Vermählung und Gregor Palamas von der Vergöttlichung, der Theosis, und so verschieden diese Bilder sind, sie beschreiben dieselbe Grunderfahrung, dass die Trennung zwischen Mensch und Gott aufgehoben wird, ohne dass der Mensch dabei aufhört, er selbst zu sein. Gemeint ist kein Verschmelzen in einem Einssein ohne Unterschied, wie es der Advaita Vedanta beschreibt, sondern eine Vereinigung in der Liebe, in der das Du Gottes und das Ich des Menschen aufeinander bezogen bleiben. Johannes vom Kreuz hat das in einem seiner schönsten Verse gesagt:

„In einer dunklen Nacht, / von Sehnsucht ganz entflammt, / — o seliges Geschick! — / ging ich hinaus, und niemand sah mich, / denn still war schon mein Haus." — Johannes vom Kreuz, Die Dunkle Nacht

Wie übt man christliche Mystik?

Die christliche Mystik ist keine Sache, die nur im Kopf stattfindet, sie lebt von konkreten Übungen, die den Betenden auf seinem Weg zu Gott begleiten, und von diesen Übungen sind drei besonders wichtig.

Lectio Divina — Die göttliche Lesung

Die Lectio Divina ist die älteste geordnete Weise, betend mit der Heiligen Schrift umzugehen, und sie folgt vier Schritten, der Lectio, dem Lesen, der Meditatio, dem Bedenken, der Oratio, dem Gebet, und der Contemplatio, dem Schweigen vor Gott. Schon Origenes hat sie im 3. Jahrhundert empfohlen, und Guigo der Kartäuser hat sie im 12. Jahrhundert in ein System gebracht. Die Lectio Divina ist kein Bibelstudium, sondern ein Hören mit dem Herzen auf das Wort Gottes, und so wird sie bis heute in Klöstern und kontemplativen Gemeinschaften gelebt.

Kontemplatives Gebet und Centering Prayer

Das kontemplative Gebet ist das stille Verweilen in der Gegenwart Gottes, ohne Worte, ohne Bilder und ohne Gedanken, an denen du dich festhältst, und die anonyme Schrift Die Wolke des Nichtwissens aus dem 14. Jahrhundert ist die klassische Anleitung für diesen Weg: Du legst unter dir eine Wolke des Vergessens und gehst mit einem einfachen Liebesimpuls in das Nichtwissen Gott entgegen. In unserer Zeit hat Thomas Keating diese Tradition als Centering Prayer neu gefasst. Der Betende wählt ein heiliges Wort als Zeichen dafür, dass er bereit ist, sich der Gegenwart und dem Wirken Gottes zu öffnen, und er kehrt sanft zu diesem Wort zurück, sobald er merkt, dass er sich in Gedanken verloren hat, und empfohlen werden zweimal am Tag zwanzig Minuten.

Exerzitien und Schweigeretraiten

Die Geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola, die Schweigemeditation in Gemeinschaften wie Taizé und die heutigen Exerzitien auch für nicht-religiöse Menschen sind alles Wege, auf denen die christliche Mystik heute gelebt werden kann. Was die Wüstenväter in der Einsamkeit Ägyptens gesucht haben, können Menschen heute in Schweigeretreats finden, in der regelmäßigen Kontemplation oder im Herzensgebet, nämlich einen Raum der Stille, in dem sich die Tiefe des Lebens öffnet.

Wer trägt die christliche Mystik heute weiter?

Thomas Merton und der interreligiöse Dialog

Die christliche Mystik gehört nicht nur der Vergangenheit. Im 20. Jahrhundert schlug Thomas Merton (1915–1968), Trappistenmönch im Kloster Gethsemani, ein neues Kapitel auf, und seine Autobiografie Der Berg der sieben Stufen wurde ein Weltbestseller, der Millionen Menschen mit der kontemplativen Tradition in Berührung brachte. Besonders war an Merton seine Offenheit für das Gespräch mit anderen mystischen Traditionen, denn er studierte den Zen-Buddhismus, schrieb sich Briefe mit D.T. Suzuki und reiste 1968 nach Asien, wo er den Dalai Lama traf. Merton hat gezeigt, dass die kontemplative Erfahrung in ihrer Tiefe über die Grenzen der Religionen hinausreicht, ohne dass man dafür die eigene Tradition aufgeben muss.

Thomas Keating und das Centering Prayer

Thomas Keating (1923–2018) entwickelte in den 1970er Jahren zusammen mit den Mönchen Basil Pennington und William Meninger das Centering Prayer, das Gebet der Sammlung, als eine zeitgemäße Form des kontemplativen Betens. Keating hatte gesehen, dass viele Christen das innere Gebet verloren hatten und zu östlichen Meditationsmethoden griffen, weil sie die kontemplative Tradition ihrer eigenen Kirche gar nicht mehr kannten. Das Centering Prayer stützt sich auf die Lehren der Wüstenväter, auf die Wolke des Nichtwissens und auf die spanischen Mystiker, und es ist bewusst einfach, denn du wählst ein heiliges Wort, sitzt still und kehrst sanft zu diesem Wort zurück, sobald du merkst, dass die Gedanken wandern. Wie die kontemplative Bewegung heute konkret aussieht, kannst du ausführlicher nachlesen.

Richard Rohr und die integrale Spiritualität

Richard Rohr (*1943), Franziskaner und Gründer des Center for Action and Contemplation in Albuquerque, verbindet mystische Theologie mit sozialer Gerechtigkeit, mit Männerarbeit und mit einer integralen Sicht auf die Welt. Sein Gedanke des Falling Upward, des Wachsens durch Scheitern und Verlust, greift die alte mystische Einsicht auf, dass der Weg nach oben durch den Abstieg führt, durch die Dunkle Nacht, durch das Zerbrechen des Ego und durch die Begegnung mit dem eigenen Schatten. Rohr öffnet die Weisheit der christlichen Mystiker für viele Menschen, die oft keiner Konfession mehr angehören, und er zeigt, dass Kontemplation und engagiertes Handeln in der Welt einander nicht ausschließen, sondern einander brauchen.

Die Zukunft der christlichen Mystik

Was all diese Strömungen verbindet, von den Wüstenvätern über Eckhart und Teresa bis zu den Kontemplativen von heute, ist die Überzeugung, dass der Mensch für die unmittelbare Erfahrung Gottes geschaffen ist. Während die Kirchen als Institutionen an Bindungskraft verlieren, wächst merkwürdigerweise das Interesse an der mystischen Tiefe des Christentums, und Orte wie Taizé in Frankreich oder die Abtei Münsterschwarzach in Deutschland ziehen jedes Jahr Tausende von Suchenden an, während Online-Kurse in kontemplativer Spiritualität Menschen auf der ganzen Welt erreichen. Die neurowissenschaftliche Erforschung meditativer Zustände bestätigt dabei etwas, das die Mystiker seit Jahrhunderten erfahren, dass regelmäßige Kontemplation messbare Veränderungen im Gehirn bewirkt.

Die christliche Mystik ist kein Sonderweg für spirituelle Virtuosen, sondern eine Einladung an jeden Menschen, unter die Oberfläche des religiösen Lebens zu gehen und die Tiefe zu berühren, in der, wie Meister Eckhart sagen würde, Gott und Seele eins sind. Die einzelnen Gestalten und Strömungen dieser großen Tradition kannst du in den Beiträgen unten näher kennenlernen.

Was fragen Menschen am häufigsten?

Was unterscheidet christliche Mystik von anderen mystischen Traditionen?

Die östlichen mystischen Traditionen betonen oft, dass sich das einzelne Selbst im kosmischen Ganzen auflöst, während die christliche Mystik an der persönlichen Beziehung zwischen Gott und Mensch festhält. Die Unio Mystica ist hier keine Verschmelzung, sondern eine Vereinigung in der Liebe, ähnlich wie in einer Ehe, in der zwei Menschen eins werden, ohne sich selbst zu verlieren. Außerdem ist die christliche Mystik stärker als andere Traditionen in die Gemeinschaft der Kirche und in die Sakramente eingebettet, auch wenn ihre großen Gestalten die Grenzen der Institution immer wieder gesprengt haben. Einen ausführlichen Vergleich findest du im Beitrag Christliche und buddhistische Mystik im Vergleich.

Muss man Christ sein, um christliche Mystik zu praktizieren?

Geschichtlich ist die christliche Mystik im christlichen Glauben entstanden und eng mit den Sakramenten, der Bibel und der kirchlichen Gemeinschaft verbunden. Viele ihrer Übungen, das stille Gebet, die Kontemplation oder die Lectio Divina, können aber auch Menschen üben, die sich nicht als Christen verstehen. Thomas Merton hat betont, dass die kontemplative Erfahrung alle Menschen angeht, und Richard Rohr spricht bewusst Menschen jeder Glaubensrichtung an, und was die christlichen Mystiker über Stille, über das Loslassen und über die Tiefe des Menschseins sagen, versteht man auch jenseits der Konfessionsgrenzen.

Welche Bücher sind der beste Einstieg in die christliche Mystik?

Für den Anfang eignen sich Meister Eckharts Deutsche Predigten in einer ausgewählten und eingeleiteten Ausgabe, Teresa von Ávilas Die Innere Burg, die Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers, die dich auf eine wunderbare Weise ins Herzensgebet einführen, Thomas Mertons Der Berg der sieben Stufen und Richard Rohrs Das nackte Jetzt. Wenn du wissenschaftlich einsteigen willst, dann lies Bernard McGinns große Reihe The Presence of God, und für einen kürzeren Überblick ist der Beitrag Mystik für Einsteiger ein guter Ausgangspunkt.

Ist christliche Mystik von der Kirche anerkannt?

Das Verhältnis zwischen der Mystik und der Kirche als Institution war immer voller Spannung. Meister Eckhart wurde nach seinem Tod verurteilt, Marguerite Porete auf dem Scheiterhaufen verbrannt, und die spanische Inquisition beobachtete Teresa und Johannes mit Argwohn. Zugleich hat die Kirche viele Mystiker heiliggesprochen und ihre Schriften als geistliche Schätze anerkannt, und Teresa, Johannes vom Kreuz und Hildegard sind sogar Kirchenlehrer. Papst Benedikt XVI. hat in seinen Katechesen viele Mystiker gewürdigt, und Papst Franziskus betont die Bedeutung der Volksfrömmigkeit, und so gehört diese Spannung zwischen mystischer Erfahrung und Institution zu dem, was die christliche Tradition lebendig hält, statt ein Fehler zu sein, den man beheben müsste.

„Wenn einer in Verzückung wäre wie Paulus und es stünde ein Kranker an der Tür, der einen Teller Suppe von ihm brauchte — es wäre weit besser, du ließest von der Verzückung ab und dientest dem Bedürftigen in größerer Liebe." — Meister Eckhart

Stimmen und Themen in dieser Tradition

Die Personen-Profile leben unter /mystiker/…; hier ist der Einstieg aus der Tradition. Werke und Praktiken dieser Seite stehen daneben. Wähl einen Namen und bleib bei ihm.