Wege der Mystik

Grundlagen der Mystik

Die Wörter, die du brauchst, wenn du schon weißt, was Mystik ist. Via Negativa, Unio Mystica, Sprache: ein Werkzeugkasten, keine zweite Definition.

Mittelalterliche Buchmalerei
Buchmalerei aus der christlichen Überlieferung.

Die Grundlagen der Mystik sind die Wörter, die du brauchst, wenn du schon ungefähr weißt, was Mystik ist, und beim Lesen trotzdem immer wieder stolperst. Via Negativa, Unio Mystica, mystische Sprache, Kontemplation, das sind Namen für Bewegungen, die sonst nur als Stimmung in dir hängen bleiben. Stell sie dir wie einen Werkzeugkasten vor, den du aufmachst, wenn ein alter Text dich ratlos zurücklässt. Wenn du erst einmal klären willst, was Mystik überhaupt meint, dann fang bei der Frage an, was Mystik ist, denn ein Glossar ersetzt keine Definition.

Warum Wörter, wenn es doch unsagbar ist?

Mystik gilt als unsagbar, und das stimmt, aber unsagbar heißt ja nicht, dass du den Mund halten und ein schönes Gefühl hüten sollst. Es heißt, dass die Sache nicht in den Satz passt und dass Menschen trotzdem Sätze gebraucht haben. Dionysius hat geschrieben, indem er wegstrich, Eckhart hat gepredigt, bis seine Zuhörer merkten, dass Gott nicht der Gott ihrer Bilder war, und Johannes vom Kreuz hat gedichtet, härter als jede Lehre. Die Grundlagen der Mystik sind diese Arbeit am Wort.

Vielleicht kennst du das: Du liest eine Seite, du nickst, du könntest Via Negativa schon jemandem erklären, und zwei Minuten später, wenn du still sitzt, holt der Kopf die Einkaufsliste. Das Wort war da, aber die Sache war nicht da. Deshalb lohnt es sich, genau zu sein, damit du merkst, wann du wirklich redest und wann du nur das Echo deiner eigenen Zustimmung hörst.

Was macht die Via Negativa mit deinen Bildern?

Via Negativa heißt der Weg der Verneinung, und er geht so, dass du nicht sagst, was Gott ist, sondern was er nicht ist. Er ist nicht Licht, wenn Licht ein Bild ist, das du besitzt, und er ist nicht Vater, wenn du dabei an deinen eigenen Vater denkst, und er ist nicht Liebe, wenn Liebe das meint, was du gestern gefühlt hast. Dionysius Areopagita hat diesen Weg im christlichen Osten so scharf gemacht, dass später fast jeder, der ernsthaft von Gott sprach, durch diese Enge musste. Eckhart hat sie auf Deutsch gepredigt, und bei ihm klingt sie wie eine Bitte: Lass ab, hör auf, ihn festzuhalten, denn Gott ist nicht der Gott, den du dir eingerichtet hast.

Du merkst das sofort, wenn du eine Erfahrung behalten willst. Du nennst sie heilig, und in dem Moment, in dem du sie so nennst, ist sie schon etwas, das dir gehört. Die Via Negativa nimmt dir diesen Besitz wieder weg, und sie tut das nicht aus Geiz, sondern weil das Gemeinte in der Schublade, in die du es steckst, nicht überlebt. Wer immer nur Ja sagt zu seinen Bildern, betet am Ende die Bilder an. Das Nein räumt den Tisch ab, damit dort etwas anderes liegen kann als dein Wunsch, und mit Nihilismus hat das nichts zu tun, denn du streichst nur so lange, bis nichts mehr von dir zwischen dir und der Sache steht.

Ist die Unio Mystica ein Höhepunkt?

Unio Mystica heißt mystische Vereinigung, und wenn Leute das Wort hören, stellen sie sich meistens einen Gipfel vor, ein Feuerwerk, ein Andenken zum Vorzeigen. Die Tradition meint etwas Kühleres und zugleich Schärferes, nämlich dass die Grenze zwischen dir und dem, was du Gott nennst, dünn wird und manchmal ganz fällt. Johannes vom Kreuz hat die Vereinigung nicht als Schauspiel beschrieben, sondern als das, was geschieht, wenn die Bilder sterben. Eckhart spricht von der Geburt des Wortes in der Seele. Das sind verschiedene Sprachen für dieselbe Bewegung: Das Ich hört auf, der Mittelpunkt zu sein.

Darum kannst du die Unio auch nicht besitzen, und wer sie festhalten will, hat sie in diesem Augenblick schon verloren. Wer hinterher erzählt, er sei eins gewesen, hat ja wieder ein Ich, das eins war. Die Unio Mystica ist ein Wort für das, worauf der Weg zuläuft, und du gehst ihn und bleibst auf ihm, aber ob die Vereinigung kommt, entscheidest nicht du.

Andere Traditionen nennen dasselbe anders, die Sufis sprechen von Fana, der Chassidismus von Devekut, und Advaita sagt, es sei nie zwei gewesen. Du musst diese Namen nicht sammeln, es reicht, wenn du merkst, dass die Unio kein Zeitvertreib ist, sondern der Punkt, an dem das Wort Mystik aufhört, bloß interessant zu sein, und anfängt, dich etwas zu kosten.

Warum spricht die Mystik in Paradoxen?

Die mystische Sprache arbeitet mit Paradox, mit Bild und mit Wiederholung, weil der gerade Satz die Sache zu klein macht. Gott ist nah und fern, die Seele ist leer und voll, du stirbst und lebst, und das ist kein Wortspiel, sondern Notwehr. Wenn du sagst, Gott sei gut, hast du recht, und du hast trotzdem schon zu viel gesagt, weil gut bei dir auch das gute Essen meint. Also sagst du, er sei nicht so gut, wie du gut kennst, und dann klingt es verdreht, und gerade dadurch bist du näher dran.

Symbole tun dieselbe Arbeit, die Nacht, die Wüste, der Funke, die Burg. Das sind keine Geheimzeichen für Eingeweihte, sondern Bilder, die noch halten, wenn die Begriffe reißen. Wer sie als Orakel liest, steht schon in dem Laden, in dem man Schlüssel verkauft. Eckhart spricht vom Grund der Seele und von der Wüste der Gottheit, weil das Wort Gott schon besetzt war, besetzt von all den Bildern, die du mitbringst.

Du wirst in diesen Texten auch viel Wiederholung finden, dieselbe Wendung noch einmal und noch einmal, und das ist keine Schwäche des Stils. Die Mystiker wiederholen, weil du beim ersten Mal nur gehört hast, was du ohnehin schon dachtest, und erst beim dritten Mal hörst, was wirklich dasteht.

Was unterscheidet Kontemplation von Meditation?

Mit Meditation meint man heute oft, dass du etwas mit deiner Aufmerksamkeit tust, du zählst den Atem, du wiederholst einen Satz, du schaust einem Gedanken nach, bis er weiterzieht. Kontemplation meint in der älteren christlichen Linie, dass du aufhörst zu tun, du schaust nur und bleibst. Dieser Unterschied ist nützlich, heilig ist er nicht, er sagt dir, wann du arbeitest und wann du empfängst, aber er sagt dir nicht, welche Geste die bessere ist.

Ein Hesychast wiederholt den Namen Jesu, das sieht nach Meditation aus und zielt doch auf Kontemplation. Ein Zen-Mönch sitzt und lässt das Sitzen selbst die Übung sein. Wer Lectio Divina übt, liest, kaut den Text wieder, betet und wird still, und im Dhikr wird ein Name erinnert, bis das Erinnern nicht mehr deine Leistung ist. Das sind verschiedene Gesten, und sie laufen dorthin, wo deine Aufmerksamkeit aufhört, etwas herstellen zu wollen.

Begriffe, bei denen du nie sitzt, bleiben Papier. Du kannst die Via Negativa erklären und die Unio Mystica definieren, und dein Leben ändert sich dadurch um keinen einzigen Atemzug, denn diese Wörter wollen gebraucht werden und nicht ausgestellt. Wo du dich hinsetzt, wo du liest, wo du einen Namen wiederholst, das findest du bei den mystischen Praktiken, und während dir die Wörter helfen, die Schilder am Weg zu lesen, fängst du dort an zu gehen.

Wozu die Geschichte, wenn du doch selbst gehen musst?

Du musst die Jahrhunderte nicht auswendig können, du solltest nur wissen, dass die Via Negativa nicht aus einem Kurs von gestern stammt. Dionysius schrieb im fünften oder sechsten Jahrhundert unter einem geliehenen Namen, Eckhart predigte im vierzehnten Jahrhundert auf Deutsch und geriet in Köln in Streit, und Johannes vom Kreuz lebte im sechzehnten Jahrhundert, im Karmel, im Kerker und in seinen Gedichten. Dazwischen gab es die Wüstenväter, Frauen, die schrieben, obwohl man sie nicht wollte, Sufis und Kabbalisten, und diese ganze Linie ist ein Hinweis darauf, dass du nicht der Erste bist, der merkt, dass Gott sich nicht besitzen lässt.

Wer die Geschichte streicht, erfindet sich leicht eine Mystik aus dem Gefühl von heute, und wer sie anbetet, bleibt im Museum stehen, und beide verfehlen, worum es bei den Grundlagen eigentlich geht. Die Geschichte sagt dir, woher die Wörter kommen, und dann gehst du los, und entweder gehen die Wörter mit dir, oder sie bleiben im Buch liegen.

Wo hört die Mystik auf, und wo fangen Religion und Esoterik an?

Religion ist Form, mit Gemeinde, Gebot, Ritual und dem Streit um die richtige Lehre, und die Mystik wächst meistens in dieser Form und nicht daneben. Eckhart predigte in seinem Orden, Johannes reformierte den Karmel. Die Form kann hart sein und trotzdem tragen, und ohne sie wird aus einer Erfahrung schnell ein Privatmythos, dem niemand mehr widersprechen darf.

Die Esoterik sammelt geheimes Wissen und verkauft dir den Schlüssel dazu, während die Mystik gar keinen Schlüssel sucht, sondern das, wovor alle Schlüssel versagen. Die Unio ist keine Aufnahme in einen Bund, und die Via Negativa ist kein Geheimzeichen. Wenn dir jemand Steine, Grade und Weltformeln anbietet und das Mystik nennt, dann bietet er dir etwas anderes an, und das darfst du mögen, nur solltest du es nicht so nennen. Diese Unterscheidung gehört selbst zu den Werkzeugen, damit du klar bleibst, wenn der Markt laut wird.

Wenn die Wörter irgendwann sitzen, weißt du, was die Via Negativa mit deinen Bildern tut, dass die Unio Mystica kein Produkt ist, und dass die Sprache hinkt und trotzdem trägt. Dann hörst du auf, Grundlagen zu sammeln, und gehst, und vielleicht vergisst du die Wörter unterwegs wieder, nachdem sie dich ein Stück getragen haben.