Wege der Mystik

Die Wolke des Nichtwissens — Kontemplation im Dunkel

Handschriftenseite Harley 2373: Beginn der Cloud of Unknowing mit verzierter Initiale
British Library Harley 2373, fol. 23v: Beginn der mittelenglischen Cloud of Unknowing (15. Jh.). Textzeuge des anonymen Werks — kein Autorenporträt. Commons File:The_Cloud_of_Unknowing_(Harley_2373_).jpg (PD-old).

Die Wolke des Nichtwissens ist die anonyme mittelenglische Schrift aus dem vierzehnten Jahrhundert, die dir beibringt, Gott nicht durch mehr Wissen zu suchen, sondern durch ein liebendes Nicht-Wissen, und die damit eine der klarsten Anleitungen der christlichen Mystik für das stille, kontemplative Gebet geworden ist.

Was ist die Wolke des Nichtwissens, wenn sie kein Wetterbericht der Seele ist?

Es ist ein kurzes Buch, geschrieben von einem unbekannten Autor im England des späten vierzehnten Jahrhunderts, auf Mittelenglisch, für jemanden, der den Weg der Kontemplation ernsthaft gehen will. Der Titel meint keine Stimmung und keine romantische Unklarheit. Er meint eine Grenze: Zwischen dir und Gott liegt etwas, das der Verstand nicht durchstoßen kann, und dieses Etwas nennt der Autor eine Wolke. Du kommst Gott dort nicht näher, indem du schärfer denkst. Du kommst näher, indem du mit einem einfachen Liebesimpuls in dieses Nichtwissen hineingehst und dort bleibst.

Unter dir sollst du eine zweite Wolke legen, die Wolke des Vergessens, über alles, was du weißt, planst, erinnerst und besitzen willst. Oben die Wolke des Nichtwissens gegen Gott hin, unten die Wolke des Vergessens gegen die Welt und gegen dein eigenes Gedankenwerk. Das klingt nach Technik, und es ist eine klare Übung, und zugleich ist es keine Atemnummer mit christlichem Etikett. Der Autor will, dass du aufhörst, Gott wie ein Objekt zu behandeln, das man begreift, und anfängst, ihn zu lieben, ohne ihn festzuhalten.

Der Autor bleibt anonym. Manche denken an einen Priester oder jemanden aus dem Umkreis der Kartäuser, und die Forschung diskutiert weiter. Für dich als Leser ist die Anonymität kein Mangel. Sie schützt dich davor, aus dem Buch eine Fanseite um eine Biografie zu machen. Du hast den Text, und der Text reicht.

Was sollst du tun, wenn Gedanken kommen?

Der Autor kennt dich besser, als dir lieb ist. Du setzt dich, du willst still werden, und sofort kommt der Einkauf, die Beleidigung von gestern, der fromme Gedanke, der sich selbst belobigt, weil er fromm ist, und die Angst, etwas zu verpassen. Gegen all das empfiehlt er keine Gewalt und kein Auslöschen. Er empfiehlt ein kurzes Wort, einen Stoß der Liebe, eine nackte Absicht auf Gott hin, und sobald du merkst, dass du weg bist, kehrst du sanft zurück.

Dieses Wort ist kein Zauber und keine Formel, die etwas erzeugt. Es ist ein Zeichen dafür, dass du bereit bist, dich der Gegenwart Gottes zu öffnen, ohne Bilder und ohne lange Reden. Später haben Thomas Keating und andere daraus das Centering Prayer geformt, das Gebet der Sammlung, und wer das heute übt, steht oft unbemerkt in der Linie dieser Wolke. Du brauchst Keating nicht, um den alten Text zu verstehen, und du brauchst den alten Text nicht zu modernisieren, damit er wahr wird. Die Geste ist dieselbe: Du lässt die Gedanken, ohne sie zu hassen, und du bleibst bei dem einen Impuls der Liebe.

Wichtig ist die Nüchternheit. Der Autor warnt vor Leuten, die Visionen jagen, besondere Gefühle sammeln oder sich für auserwählt halten, weil sie „kontemplieren“. Die Wolke ist kein Aufstieg zu Spektakel. Sie ist ein Abstieg aus dem Besitzdenken. Wer das Nichtwissen zum neuen Wissen macht und damit prahlt, hat die Wolke schon verlassen.

Woher kommt dieser Weg, und wohin führt er?

Die Schrift steht in der Linie der apophatischen Theologie, also der Theologie, die lieber sagt, was Gott nicht ist, als ihn auf ein Bild festzulegen. Dionysius Areopagita hatte vom Aufstieg in die Wolke und ins überlichte Dunkel gesprochen, und diese Stimme wirkte über lateinische Übersetzungen tief in den Westen hinein. Die Wolke des Nichtwissens nimmt diesen Faden auf und macht daraus eine Anleitung für den Alltag des Betens, schlicht, praktisch, manchmal streng.

Lateinische Handschriftenseite der Kirchlichen Hierarchie des Pseudo-Dionysius mit illuminierter Initiale

Pseudo-Dionysius Areopagita, De ecclesiastica hierarchia in der lateinischen Übersetzung Ambrogio Traversaris (Vatikanische Handschrift). Tradition der Via Negativa, aus der die Wolke speist — nicht die Cloud selbst. Commons File:Dionysius_Areopagita,De_ecclesiastica_hierarchia(Latin).jpg (PD-Art).

Neben ihr steht oft das Buch der verborgenen Beratung (Book of Privy Counseling), das demselben Umkreis zugeschrieben wird und denselben Weg verdichtet. Beide Texte wollen dich nicht zu einem System erziehen. Sie wollen dich lehren, Gott in der Liebe zu suchen, wenn der Verstand an seine Grenze kommt.

Mit Meister Eckhart teilt die Wolke die Nähe zur Via Negativa und das Misstrauen gegen den besitzenden Geist, und doch ist der Ton ein anderer. Eckhart predigt auf Deutsch vom Seelengrund und der Gelassenheit, spekulativ und scharf. Die Wolke spricht als Seelsorgerbuch: Setz dich, vergiss, liebe, kehre zurück. Beide können einander erhellen, ohne dass du sie in einen Mund legst. Wer die Wolke nur als „englischen Eckhart“ liest, verpasst ihre eigene Stimme.

Was ist Nichtwissen, wenn es keine Dummheit ist?

Nichtwissen meint hier nicht, dass du aufhörst zu denken und stolz auf deine Leere bist. Es meint, dass Gott größer ist als deine Begriffe, und dass Liebe manchmal weiter reicht als Erklärung. Du kannst Bücher lesen, Theologie lernen, die Schrift kennen, und trotzdem merken, dass du Gott damit nicht einholst. An dieser Stelle geben viele auf oder werden laut. Die Wolke sagt: Genau hier beginnt die Kontemplation, nicht als Abbruch des Lebens, sondern als anderes Verhältnis zum Wissen.

Du vergisst nicht den Nächsten und nicht die Pflicht. Der Autor schreibt für jemanden, der in einer christlichen Lebensform steht, und er meint kein Schweben über der Welt. Die Wolke des Vergessens gilt den anhaftenden Gedanken im Gebet, nicht der Verantwortung danach. Wer nach der Sitzung gemeiner wird und das für Erleuchtung hält, hat den Text nicht gelesen.

Deshalb ist die Wolke auch unbequem für eine Spiritualität, die nur Zustände sammeln will. Es gibt Tage ohne Trost, und der Autor hält das für normal. Die Treue zum Liebesimpuls zählt mehr als das Gefühl, das dich belohnt. Das verbindet die Wolke mit späteren Stimmen der Nacht und der Reinigung, ohne dass sie denselben Weg erzählt wie Johannes vom Kreuz. Verwandtschaft ist keine Gleichheit.

Wie liest du die Wolke, ohne sie zur Methode zu machen?

Langsam, und ohne den Drang, nach zehn Seiten ein Programm für dein Leben zu bauen. Nimm ein kurzes Kapitel, übe das eine Wort, und merke, wo du Gott noch wie ein Projekt behandelst. Wenn der Text dir sagt, du sollst unter dir vergessen und über dir nicht wissen, dann prüfe, ob du das als Technik besitzt oder als Einladung hörst. Technik will Ergebnis. Einladung will Bleiben.

Du musst kein Mittelenglisch lernen und kein Kartäuser werden. Es gibt gute Übersetzungen, und eine Seite ernst gelesen trägt mehr als ein ganzes Buch, das du nur durchstreifst. Pass auf den Stolz auf, der sich hinter Stille versteckt. Die Wolke kennt ihn, weil kontemplatives Gebet schnell zur Bühne wird, auf der du dir selbst zuschaust.

Die Wolke des Nichtwissens verspricht dir keine Erleuchtung als Produkt und keine Immunität gegen Angst. Sie gibt dir eine Richtung: Gott mit nackter Absicht lieben, wenn die Bilder sterben, und die Gedanken lassen, ohne sie zu bekriegen. Wenn du das hörst und danach wieder abwäschst oder zur Arbeit gehst, hast du mehr verstanden als jemand, der aus dem Nichtwissen einen neuen Besitz macht. Bei ihr bleibt die Wolke eine Grenze und eine Tür zugleich, und durch Türen geht man, statt sie einzurahmen.