Wege der Mystik

Thomas von Kempen und die Nachfolge Christi

„Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Matthäus 16,24)
Dieses Wort bildet das Fundament der „Nachfolge Christi“ – des meistgelesenen spirituellen Buches nach der Heiligen Schrift.

Thomas von Kempen (ca. 1380–1471) hat mit der „Nachfolge Christi“ (De Imitatione Christi) ein Werk geschaffen, das über 1000 Auflagen erlebte und in fast alle Sprachen der Welt übersetzt wurde. Es hat Heilige, Reformatoren, Mystiker und einfache Gläubige gleichermaßen geprägt – von Ignatius von Loyola über Martin Luther bis zu John Wesley.

In einer Zeit, in der Kirche und Gesellschaft von äußeren Formen, Machtkämpfen und geistlicher Leere geprägt waren, erinnerte Thomas an die einfache, radikale Wahrheit des Evangeliums: Die wahre Nachfolge Jesu beginnt nicht in der Ferne, sondern im eigenen Herzen.

Wer war Thomas von Kempen?

Thomas Hemerken – später „von Kempen“ genannt – wurde um 1380 in der kleinen Stadt Kempen am Niederrhein geboren. Mit dreizehn Jahren schickten ihn seine Eltern nach Deventer in den Niederlanden zu den Brüdern vom gemeinsamen Leben. Dort lernte er nicht nur Latein und Kalligraphie, sondern vor allem eine neue Art der Frömmigkeit: die Devotio Moderna.

Diese „moderne Frömmigkeit“ war keine weltflüchtige Bewegung. Die Brüder lebten in kleinen Gemeinschaften, kopierten Bücher (Thomas wurde ein Meister der Handschrift), unterrichteten Jungen und halfen den Armen – alles ohne feierliche Gelübde, aber mit großer innerer Strenge und Herzenswärme.

Später trat Thomas in das Augustiner-Chorherrenstift St. Agnietenberg bei Zwolle ein (Windesheimer Kongregation). Dort wirkte er als Priester, Novizenmeister, Schreiber und vor allem als geistlicher Schriftsteller. Er starb 1471 im Alter von etwa 91 Jahren im Ruf der Heiligkeit. Sein Grab wird noch heute von Pilgern besucht.

Sein Leben war geprägt von der Spannung zwischen kontemplativer Stille und praktischer Seelsorge – genau jene Balance, die auch seine „Nachfolge Christi“ atmet.

Die Devotio Moderna – Der geistige Boden der „Nachfolge“

Die Devotio Moderna entstand Ende des 14. Jahrhunderts als Antwort auf eine Kirche, die in vielen Bereichen erstarrt und weltlich geworden war. Sie wollte das Christentum wieder „zum Herzen der Menschen“ bringen.

Wichtige Merkmale:

Thomas von Kempen war kein spekulativer Mystiker wie Meister Eckhart oder Johannes Tauler. Er schrieb keine hohen philosophischen Traktate über die „Geburt Gottes in der Seele“. Stattdessen verfasste er ein Handbuch für die Seele – schlicht, biblisch und zutiefst praktisch. Dennoch steht seine Spiritualität in enger Verbindung zur Rheinland-Mystik: Beide betonen, dass Gott nicht zuerst in äußeren Dingen, sondern im Inneren des Menschen gefunden wird.

Die „Nachfolge Christi“ – Aufbau und Inhalt

Das Werk umfasst vier Bücher, die wie Stufen eines geistlichen Weges angelegt sind:

Buch I – Von der Nachfolge Christi und der Verachtung aller Eitelkeiten der Welt
Der Einstieg: radikale Abkehr von der Welt und ihren Illusionen. „Was nützt es dir, wenn du die ganze Welt gewinnst und Schaden leidest an deiner Seele?“

Buch II – Vom inneren Leben
Der eigentliche Kern. Hier lehrt Thomas, wie man in der Stille des Herzens mit Gott lebt: Demut, Geduld, Schweigen, Vermeidung von Neid, Zorn und unnützem Gerede.

Buch III – Vom inneren Trost
Ein Meisterwerk der dialogischen Spiritualität. Die Seele spricht mit Christus, und Christus antwortet. Der Leser wird eingeladen, die Stimme Jesu selbst zu hören – tröstend, ermahnend, einladend.

Buch IV – Von der heiligen Kommunion
Eine der tiefsten und schönsten Eucharistielehren der Christenheit. Thomas sieht die häufige Kommunion als wichtigste Quelle der Verwandlung. Nicht als fromme Pflicht, sondern als innige Begegnung mit dem lebendigen Herrn.

Viele Leser beginnen mit Buch I und II. Buch III und IV erschließen sich meist erst nach einiger Zeit – sie sind für diejenigen geschrieben, die bereits tiefer in die Nachfolge eingetreten sind.

Zentrale Themen der Nachfolge

1. Demut als Fundament

Thomas warnt unermüdlich vor Stolz und Selbstüberschätzung. Die wahre Größe des Menschen liegt in seiner Kleinheit vor Gott.

„Je mehr du dich selbst verachtest, desto größer bist du vor Gott und desto mehr Gnade wirst du empfangen.“

2. Die Vergänglichkeit der Welt

Viele Kapitel beginnen mit dem berühmten „Vanitas vanitatum“. Nicht als düstere Weltflucht, sondern als befreiende Erkenntnis: Wer sich an Vergängliches klammert, verliert das Ewige.

3. Die innere Zelle

In einer lauten, zerstreuten Welt ruft Thomas zur „inneren Zelle“ – dem Herzen, in dem Gott allein wohnt. Wer diese Stille nicht findet, findet auch Gott nicht.

„In der Stille und im Schweigen wird die Seele geformt und zu großen Dingen fähig.“

4. Das Kreuz als Weg der Liebe

Kein Christentum ohne Kreuz. Leiden, Demütigungen, Krankheit und Enttäuschung sind nicht Strafe, sondern der königliche Weg zur Gleichförmigkeit mit Christus.

5. Die Eucharistie als Quelle der Verwandlung

Thomas sieht die Kommunion als Höhepunkt und Quelle des ganzen christlichen Lebens. Wer würdig und oft kommuniziert, wird nach und nach in Christus verwandelt.

Thomas von Kempen und die christliche Mystik

Die „Nachfolge Christi“ wird oft als „Mystik für den Alltag“ bezeichnet. Sie unterscheidet sich bewusst von der hohen, spekulativen Mystik eines Meister Eckhart. Während Eckhart von der Einheit der Seele mit dem Göttlichen in dialektischer Sprache sprach, bleibt Thomas biblisch, narrativ und pastoral.

Dennoch gibt es tiefe Gemeinsamkeiten:

Viele Forscher betrachten Thomas von Kempen als wichtigen Brückenbauer: Er machte die großen Einsichten der Mystik für normale Menschen zugänglich – ohne die Gefahr der Verketzerung, die Eckhart erlebt hatte.

Einfluss und Wirkung bis heute

Die „Nachfolge Christi“ gehört zu den meistgedruckten Büchern der Weltgeschichte. Ihre Wirkung ist kaum zu überschätzen:

Heute existieren moderne Übersetzungen (z. B. von Hans Urs von Balthasar, oder aktuelle Ausgaben bei Herder und Patmos), Hörbücher und digitale Versionen mit täglichen Impulsen.

Die „Nachfolge Christi“ heute leben – Praktische Wege

Du musst kein Mönch oder Einsiedler sein, um Thomas von Kempen zu folgen. Hier einige konkrete Übungen, die direkt aus seinem Buch stammen:

  1. Abendliche Gewissenserforschung (5–10 Minuten): Was habe ich heute Gutes getan? Wo bin ich Christus nicht nachgefolgt? Was will ich morgen anders machen?

  2. Lectio Divina mit den Evangelien: Nicht nur lesen, sondern mit Jesus ins Gespräch kommen – genau wie in Buch III.

  3. Eine Tugend pro Monat: Z. B. Demut, Geduld, Schweigen oder Verzicht auf unnützes Reden üben.

  4. Häufige Beichte und Kommunion: Als Quelle der Gnade und der inneren Erneuerung, nicht als fromme Pflicht.

  5. „Digitale Enthaltsamkeit“: Weniger Social Media, Nachrichten und Unterhaltung – mehr Stille und Schriftlektüre. Ein moderner „Verzicht auf die Eitelkeiten der Welt“.

Viele Menschen berichten, dass regelmäßiges, langsames Lesen der „Nachfolge“ ihr Gebetsleben vertieft, ihre Beziehungen versöhnt und ihnen hilft, auch in schweren Zeiten bei Christus zu bleiben.

Fazit: Eine Einladung, die nie veraltet

Thomas von Kempen ruft uns nicht zu einem neuen Programm, einer neuen Theologie oder einer neuen Spiritualität auf. Er ruft uns einfach zu Jesus selbst – dem lebendigen, leidenden und auferstandenen Herrn, der in unser Herz kommen und es verwandeln will.

In einer Zeit der äußeren Ablenkung, inneren Unruhe und geistlichen Oberflächlichkeit ist die „Nachfolge Christi“ aktueller denn je. Sie zeigt einen Weg, der nicht in die Ferne führt, sondern in die Tiefe:

„Folge mir nach – nicht nur mit den Füßen, sondern mit dem ganzen Herzen.“

Wer diesen Weg geht, erlebt, was Thomas verspricht: Frieden inmitten der Unruhe, Freude im Leiden und letztlich die innige Vereinigung mit dem, dem wir nachfolgen.


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Dieser Artikel ist Teil der Serie über christliche Mystik und innere Frömmigkeit. Er wurde mit großer Sorgfalt und Liebe zum Thema verfasst.