Wege der Mystik

Der Sohar (Sefer ha-Zohar) — Das Buch des Glanzes

Seite einer hebräischen Handschrift
Hebräische Handschriftenseite als Lese-Atmosphäre — kein Autograph des Sohar. Der Sohar ist ein mittelalterliches Werk in aramäisierender Sprache; ein gesichertes Autorenporträt gibt es nicht.

Der Sohar, das Sefer ha-Zohar, ist das Buch des Glanzes und das Hauptwerk der mittelalterlichen jüdischen Mystik: eine große, oft aramäisch gefärbte Auslegung der Tora, die Gott, Welt und Verbannung als inneres Drama liest und die doch kein Zauberbuch aus der Urzeit und kein Orakel für den Abend ist.

Was ist der Sohar wirklich?

Er ist ein Buch, besser: ein Corpus von Texten, das im späten dreizehnten Jahrhundert in Kastilien in Umlauf kommt und die Tora so deutet, als leuchteten hinter den Geschichten von Schöpfung, Vätern und Geboten geheime Bewegungen des Göttlichen. Zohar heißt Glanz. Gemeint ist ein Licht, das zugleich enthüllt und blendet, und der Text selbst arbeitet mit Licht und Verhüllung, mit Nähe und Entfernung, mit dem Männlichen und dem Weiblichen in den Bildern Gottes.

Wenn du den Sohar aufschlägst, findest du keine Bedienungsanleitung und keine alphabetische Dogmatik. Du findest Midrasch, also Auslegung, Erzählung, Gleichnis, Streit unter Lehrern, Hymnen und plötzliche Abgründe. Rabbi Schimon bar Jochai und seine Gefährten wandern, sitzen in Höhlen und unter Bäumen, deuten Verse und brechen ab, wenn die Sache zu heilig wird, um weiterzureden. Das ist Literatur und Lehre zugleich. Es ist auch anstrengend. Wer ein schnelles Geheimnis sucht, wird enttäuscht, und das ist gut so.

Der Sohar gehört in die Geschichte der Kabbala, nicht in die Geschichte des Esoterikladens. Er setzt Schrift, Gebot und eine jüdische Lebensform voraus, auch wenn später viele ihn aus diesem Rahmen gerissen haben. Du kannst ihn als Leser achten, ohne so zu tun, als hättest du ihn „entschlüsselt“. Achten heißt hier: wissen, dass du ein mittelalterliches jüdisches Buch liest, das Gott ernst nimmt und den Menschen klein hält.

Wem schreibt man den Sohar zu, und was sagt die Forschung?

Die Überlieferung schreibt den Sohar Rabbi Schimon bar Jochai zu, einem Lehrer des zweiten Jahrhunderts, der in der rabbinischen Erinnerung mit der römischen Verfolgung und mit dem Lernen in der Höhle verbunden ist. Diese Zuschreibung gab dem Buch Gewicht und Heiligkeit. Die historische Forschung seit dem neunzehnten und vor allem dem zwanzigsten Jahrhundert setzt den Hauptbestand dagegen ins christliche Spanien des späten dreizehnten Jahrhunderts, oft in den Umkreis von Mosche de León. Gershom Scholem hat diesen Befund für die Wissenschaft begründet und den Sohar damit aus dem Reich der zeitlosen Geheimnisse in die Religionsgeschichte zurückgeholt.

Später wurde diskutiert, ob ein Autor oder ein Kreis schrieb, wie viel älteres Material einfloss und wie die verschiedenen Teile des Corpus zueinander stehen. Für dich als Leser reicht zuerst eine klare Haltung: Der Sohar ist ein mittelalterliches und jüdisches Buch. Er ist kein urzeitliches Orakel, das jemand in einer Höhle gefunden hat und das jetzt im Internet auf dich wartet. Die fromme Zuschreibung und die historische Einordnung müssen einander nicht vernichten. Viele Leser können beides halten: die Stimme Schimon bar Jochais als innere Gestalt des Textes und die Entstehung im kastilischen dreizehnten Jahrhundert als äußerer Ort.

Was du vermeiden solltest, ist die romantische Lüge, die aus dem Sohar ein Universalgeheimnis macht, das „älter als alle Religionen“ sei. Genau diese Lüge verkauft sich gut. Genau sie löscht das Judentum aus dem Buch.

Wie liest der Sohar die Tora?

Er liest sie als Oberfläche und Tiefe zugleich. Der Buchstabe bleibt, und unter dem Buchstaben bewegen sich die Sefirot, die Weisen, in denen sich Gott zeigt. Geschichten von Liebe, Eifersucht, Trennung und Wiederfinden werden zu Bildern für das Verhältnis innerhalb des Göttlichen und zwischen Gott und Israel. Besonders dicht wird es bei der Schechina, der Gegenwart Gottes, die in der Welt wohnt und die in Verbannung geraten kann, wenn die Menschen und die oberen Ordnungen aus dem Gleichgewicht sind.

Das klingt mythologisch, und es ist mythologisch, und der Sohar schämt sich dieses Tons nicht. Er erzählt, wo die Philosophie schweigt, und er schweigt, wo das Erzählen götzendienerisch würde. Licht und Gefäß, männlich und weiblich im Bild, oberer und unterer Bund: Das sind keine Figuren für ein Fantasy-Spiel, sondern eine Sprache für Nähe und Bruch. Wer daraus ein System von „Energien“ baut, die man mit Wünschen steuert, hat den Text verlassen. Wer ihn als Poesie der Gottesnähe liest, die an Gebot und Umkehr gebunden bleibt, ist näher dran.

Der Sohar will dich oft nicht belehren wie ein Schulbuch. Er will dich in eine Atmosphäre ziehen, in der ein Vers plötzlich größer wird als dein erster Gedanke. Deshalb wirkt er auf manche überwältigend und auf andere diffus. Beides kann wahr sein. Diffusheit ist manchmal Schutz. Nicht alles Heilige verträgt die glatte Zusammenfassung.

Warum wird der Sohar ständig missverstanden?

Weil Glanz und Geheimnis Verkaufswörter sind. Man reißt einzelne Bilder heraus, mischt sie mit Tarot, Alchemie und Lifestyle, und nennt das „Kabbala“. Manche Gelehrte der Renaissance haben hebräische Texte wirklich gelesen, und Bilder wandern, das ist historisch. Daraus folgt nicht, dass der Sohar ein gemeinsames Eigentum aller Geheimlehren wäre. Er bleibt an die Tora und an eine jüdische Überlieferung gebunden. Wer ihn mit jedem Pfad gleichsetzt, löscht genau das aus, was ihn zum Sohar macht.

Ein zweites Missverständnis ist die Orakel-Haltung. Du schlägst eine Seite auf, suchst einen Satz für den Tag und willst ein Zeichen. Der Sohar kennt intensive Augenblicke, aber er ist keine Glückskeksfabrik. Er ist Auslegung. Auslegung braucht Zeit, Sprache, oft einen Lehrer, und sie braucht die Bereitschaft, dass der Text dich korrigiert, statt dich zu bestätigen.

Ein drittes Missverständnis ist die Angst- und Verschwörungserzählung, die aus der Kabbala einen geheimen Weltplan macht. Der Sohar ist Literatur der Frömmigkeit und der spekulativen Kühnheit. Er ist kein Handbuch zur Weltherrschaft. Wer das glaubt, hat den Text nicht gelesen und braucht ihn auch nicht als Beleg.

Wie gehst du an den Sohar heran, ohne ihn zu besitzen?

Langsam, und ohne den Anspruch, nach zwanzig Seiten „eingeweiht“ zu sein. Nimm eine kurze Passage, am besten mit einer guten Einleitung oder einer zuverlässigen Übersetzung, und lies sie wie jemanden, der zu Gast ist. Du bist Gast in einem Haus, das älter und fremder ist als dein Wunsch nach schnellem Sinn. Wenn ein Bild dich trifft, halte es fest, ohne es sofort in dein Leben als Technik einzubauen. Wenn dich der Text abweist, ist das manchmal Teil seiner Arbeit.

Für den Überblick über Merkava, Jezira, Sefirot, Luria und Chassidismus bleibt der Hub zuständig. Hier geht es um das eine Buch, das die Kabbala für viele erst sichtbar gemacht hat. Scholems Jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen hilft dir, den Sohar in die Epochen zu stellen, ohne ihn zu einem Souvenir zu machen. Zitate aus dem Gedächtnis, die im Netz als „Sohar sagt“ kursieren, solltest du misstrauen, solange du die Stelle nicht hast.

Der Sohar verspricht dir keinen Glanz als Besitz. Er zeigt Glanz als etwas, das erscheint und sich wieder verhüllt, und er bindet dieses Licht an Schrift, Gericht und Liebe. Wenn du danach wieder ganz gewöhnlich denkst und trotzdem ein bisschen vorsichtiger mit dem Wort „Geheimnis“ umgehst, hast du mehr verstanden als jemand, der den Sohar wie einen Schlüsselbund schwenkt.